19. Juni 2010 – Extraschicht in Duisburg

Derzeit ist im Duisburger Kultur- und Stadthistorischen Museum eine Mittelalterausstellung – es geht insbesondere um Duisburg und seine Handels beziehungen im Mittelalter. Wer es noch nicht weiß: das Ruhrgebiet besteht nicht nur aus Industriedenkmälern, es gibt da auch einiges an historischen Stätten und Funden für Mittelalterbegeisterte, grade in Duisburg.

Im Rahmen der Extraschicht – was auch nur ein anderer Name für eine von diesen „Langen Nächten der Irgendwas“ ist – war ich am vergangenen Samstag im Museum und habe daran mitgewirkt, die Ausstellung zu beleben. Was bei dieser Ausstellung prima funktioniert, weil sie nach Themen aufgeteilt ist und fast lebensgroße Szenen an die Wände gemalt sind, in die man sich sehr schön „hinein begeben“ konnte.

Was mich sehr verblüfft hat: Nachdem die Veranstaltung in Gerresheim eine Woche zuvor unverdientermaßen sehr schlecht besucht war, hatte ich gedacht, ins Museum kommt auch keiner. Gab es doch im Rahmen der Extraschicht weit spektakulärere Events zu besuchen und außerdem noch Fußball zu gucken. Weit gefehlt! Es war sehr voll, ich habe noch selten so viele so interessierte Menschen auf einem Haufen erlebt. Ich musste leider früher verschwinden (hier ein besonders deutlicher Gruß an die nach 22 Uhr stark ausgedünnten öffentlichen Verkehrsmittel im Rheinland!), und ich musste mich förmlich losreißen, so schnell war die Zeit vergangen und so viele Leute hätten gerne noch mehr erklärt bekommen…

Auch mein Bloggerkollege Herr Turtle war da und Dirk, der Münzer aus Soest, führte sein Handwerk vor.

Ich hatte mich mal wieder als Slawiin angezogen und zeigte – na was wohl? – die Technik des Kämmens und Spinnens von Wolle:

Ich hätte ja gerne noch Impressionen von der Pilgerin und der Buchmalerin gezeigt, leider sind aber die übrigen Fotos nicht gut geworden. Hier also der selbe Appell wie bei Turtle: Hat noch jemand Fotos??!!

Eine Veranstaltung: Gerresheim

Nur weil ich hier so wenig blogge, heißt das nicht, dass ich mich vom LH-Hobby verabschiedet habe! Ich hatte ja schon besorgte Anfragen, weil mein schon einige Monate alter letzter Eintrag ein ziemlich wütender war. Aber ich habe ihn hauptsächlich geschrieben, um einige schlechte Erfahrungen zu verarbeiten. Und das heißt nicht, dass ich von meinem Hobby irgendwie gefrustet wäre oder es gar hinschmeißen würde.

Natürlich hätte ich gerne mehr Zeit und Energie für Bastelarbeiten, Veranstaltungen und auch das Dokumentieren (also z. B. bloggen), aber das geht ja wohl den meisten in diesem Hobby so. Spaß macht es jedenfalls immer noch.

Und jetzt grade freu ich mich auf die nächste Veranstaltung am kommenden Samstag (12.06.2010, 11 bis 18 Uhr), wo ich an der Bebilderung der Stadtgeschichte von Düsseldorf-Gerresheim teilnehmen darf, im Rahmen eines Stadtteilfestes. Leider gibt es keine wirklich gute Ankündigung im Internet, der beste Link, den ich bieten kann, ist dieser hier.
Organisiert wird der historische Teil von diesen netten Leuten.

Hoffentlich macht das Wetter mit….

Bürgerkrieg

Es geht hier nicht um eine historische Epoche. Nein, ich möchte mal etwas loswerden, was mich schon seit mindestens anderthalb Jahren umtreibt. Im Jahr 2008 hat es zu einigen sehr unschönen Erlebnissen in meiner eigenen Hobbyausübung geführt. Das Jahr 2009 war zum Glück ruhiger. Aber das Problem bleibt.

Ich schreibe diesen Text nicht auf Grund irgendwelcher gerade aktueller Ereignisse. Irgendwas ist ja eigentlich immer….

Den Begriff „Bürgerkrieg“ wähle ich, weil ich damit eine Situation beschreibe, bei der im gleichen „Land“ mehrere Parteien erbittert gegeneinander kämpfen. Manchmal weiß man nicht einmal, wann und warum es angefangen hat. Vermutlich haben beide Parteien davon auch unterschiedliche Versionen. Jedenfalls kann es dazu führen, dass Menschen, die eigentlich etwas gemeinsam haben und manchmal auch Freunde sind, sich plötzlich auf verschiedenen Seiten der Barrikade wiederfinden. Dass einem Entscheidungen für oder gegen eine Partei aufgenötigt werden. Dass es fast unmöglich ist, sich aus allem rauszuhalten, wenn man überhaupt mit Menschen zu tun hat, die irgendwie involviert sind.

Das Gespenstische ist, im Jahre 2008 bin ich gleich zwischen mehrere solche Bürgerkriegsfronten geraten. Und diese verschiedenen Kriegsschauplätze lassen sich auch nicht auf einen einzigen Konflikt zurückführen, d. h. es laufen gleich mehrere Kriege parallel und weitgehend unabhängig voneinander.

Aber lasst uns mal versuchen, den Ablauf ein wenig zu abstrahieren:

Wir sind im Hobby Living History. Ich besuche Veranstaltungen, bekomme über irgendwen Kontakte zu Veranstaltern, mache bei Museumsbelebungen und dergleichen mit. Die anderen Mitwirkenden kenne ich unterschiedlich gut, aber alle scheinen erst mal ähnliche Vorstellungen und Ideen zu haben wie ich. Eigentlich alles prima.

Dann bekommt man anhand der einen oder anderen spitzen Bemerkung mit, dass Person A und Person B offenbar nicht besonders gut miteinander können, denkt sich aber immer noch nix Schlimmes. Ich meine, es ist ein Hobby, man muss gar nicht mit jedem gleich gut auskommen.

Meines Feindes Freund ist mein Feind

Und dann passiert es. Zum Beispiel hatte man zu einer bestimmten Frage, wie eine Veranstaltung zu konzipieren bzw. mit einem Veranstalter zu verhandeln sei, unterschiedliche Auffassungen. Person B tauschte sich auch mal ohne Person A einzubeziehen mit einzelnen oder mehreren Diskutanten per Mail aus. Das nächste was geschah, war, dass ein ganzer Schwung von Personen mit einer sehr fadenscheinigen Begründung aus einem bestimmten Forum geworfen wurde, was auch indirekt zur Folge hatte, dass ich zu der Veranstaltung, über die wir da diskutiert hatten, keinen Zugang mehr hatte.

Noch mal zusammengefasst: Person A meinte, ich gehörte zur „Kriegspartei“ von Person B und betrachtete mich daher offenbar als ihre Feindin.

Was übrigens damals in keiner Weise stimmte, und mit meiner Position in der damaligen Konzeptdiskussion hatte das auch wenig bis nichts zu tun. Der fast schon witzige Effekt ist nun natürlich der einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Mit Person B habe ich noch viel zu tun, mit Person A nicht mehr. Ich würde sie nicht als meine Feindin betrachten, aber mit jemandem, der sich mir gegenüber so unfreundlich verhält, möchte ich natürlich möglichst nicht mehr viel zu tun haben.

Eine andere Geschichte vom gleichen Kaliber, mit ganz anderen Personen, spielt sich mehr in Foren und Chats ab. Ich habe öfter mal den Eindruck, dass ich von der dortigen Person A immer mal wieder kritisiert bzw. angegriffen werde, nicht weil meine konkrete Äußerung ihren Missfallen erregt, sondern weil sie mich mit Person B in einem Boot wähnt und daher stets gewillt ist, alles was ich äußere, mit der Bürgerkriegsbrille zu betrachten.

Meines Feindes Feind ist mein Freund

Anders herum funktioniert das Ganze übrigens auch. Wenn Person B mit irgendeiner Person C verfeindet ist oder auch nur Differenzen mit C hat – z. B. mal deren Klamotten kritisiert hat -, dann scheint allein das schon ein Anlass dazu zu sein, dass Person A in Person C das Gute sucht und findet, da C als potentieller Verbündeter oder zumindest als Beweis für die Schlechtigkeit von Person B in Frage kommt.

In den vergangenen zwei Jahren hat es in der, ich nenne sie mal ganz pauschal Geschichtsvermittlerszene, mehrere hochinteressante Diskussionen gegeben, die zum Teil im Zusammenhang, zum Teil separat geführt wurden. Insbesondere ging es um Fragen der Konzeption von Museumsevents, deren Wissenschaftlichkeit bzw. überhaupt des zugrunde liegenden Wissenschaftsbegriffs sowie der Frage des Einflusses von Naziideologie auf einzelne Gruppen und die gesamte Szene. Leider war es an vielen Stellen kaum möglich, produktiv zu diskutieren, weil ganz offenbar zu viele Bürgerkriegsparteien involviert waren. Für Personen, die die ganzen Bürgerkriege nicht mitbekommen haben, ist es oftmals überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum in Foren oder Chats relativ harmlose Äußerungen mit heftigen Schimpfkanonaden beantwortet werden. Typisch ist auch, dass sich niemals offen auseinandergesetzt wird, es wird sich dann oft so ausgedrückt „wenn einige Leute meinen, jetzt mit dem Finger auf andere zeigen zu können, dann sollten sie mal….“

„There is no decent place to stand in a massacre …“ (Leonard Cohen)

Nachdem die jeweilige Person B sich klug verhält, nämlich ihre Auseinandersetzung schlicht nicht auf meinem Rücken austrägt, führt das Ganze natürlich dazu, dass ich zwangsläufig mehr mit Person B als mit Person A zu tun habe, dadurch natürlich mehr von ihrer Sicht der Dinge mitbekomme. Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei ja auch um ein paar sehr nette Menschen handelt und man sich mit diesen gerne anfreundet.
Aber der Krieg ist nicht vorbei. Und ich merke, wie ich immer wütender werde. Ich bin eine diskussionsfreudige Frau, die gerne mal sagt, was sie denkt, und die (anders als andere in diesem Hobby, die ich durchaus verstehen kann) auch gern mal zu grundlegenden Diskussionen über konzeptionelle oder politische Aspekte unseres Hobbys meinen Senf beisteuere. Es ärgert mich maßlos, dass ich das an vielen Punkten nicht kann, um nicht noch tiefer in irgendwelche kriegerischen Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. Mir kribbeln die Finger, zu einem bestimmten Thema z. B. in einem Forum einen Beitrag zu schreiben, aber ich verzichte darauf, weil jemand anderes aus meinem Umkreis schon was geschrieben hat und ich befürchte, dass die „andere Seite“ eine Verschwörung oder eine Großoffensive ihrer Feinde wahrnimmt, wenn ich jetzt auch noch etwas dazu meine. Auch wenn das, was ich zu sagen hätte, vielleicht einen ganz anderen Aspekt betrifft als den, den mein Vorgänger wichtig fand.
Und noch mehr ärgert mich natürlich, dass es sich auch noch auf mein Privatleben auswirkt. Zum Beispiel wenn ich plane, wen ich zu einer Party einladen soll…

„What’s so civil about war anyway?“ (Guns ‚N Roses)

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text veröffentlichen soll. Ich habe es nun getan, und ich weiß, dass ich damit etwas riskiere. Ich riskiere, dass dieser Text als weitere Waffe in irgendeinem Bürgerkrieg genutzt wird, und ich riskiere, einige Freundschaften zu belasten. Beides will ich nicht.

Aber das hier, verdammt, ist mein Blog. Meine Party. Und ich musste das einfach mal irgendwo loswerden.
Ich habe diesen Text, das sei auch noch gesagt, ganz allein geschrieben, mit niemandem diskutiert oder abgesprochen, und ich bitte darum, dass allfällige Reaktionen das dann bitte auch berücksichtigen und andere Leute da mal raus lassen.

Ubierin, Beta-Version

Vergangenes Wochenende – bei den Römer- und Germanentagen im Lippischen Landesmuseum Detmold – hatte ich zum zweiten Mal Gelegenheit, meine neue Darstellung einer Bewohnerin Bonns im 2. Jh. n. Chr. (Ubierin) auszutesten. Der erste Versuch in Xanten war ja leider wegen der Blitzschläge vorzeitig abgebrochen worden.

Im Prinzip sollte es in diese Richtung gehen (Teil eines Matronenaltars aus dem Rheinischen Landesmuseum Bonn):

Und so sah es aus:

Ich bin mit dem Test recht zufrieden. Einige Kleidungsdetails muss ich noch einmal überdenken, der (auf diesem Bild nicht sichtbare) Sprang-Gürtel ist ziemlich unschön (ich bin trotzdem stolz drauf, ist immerhin mein erstes Sprang-Werk überhaupt).
Aber die Frisuren-Tests verliefen schon mal ganz interessant. Da lohnt es sich, weiter zu experimentieren!

Details dazu? Demnächst in diesem Theater….

Frisuren

Warum eigentlich kümmern sich so wenig Menschen in der Darstellerszene um Frisuren? Ich meine, es ist doch erstaunlich: jede Menge Schneiderinnen versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich als Gewandschneyderinnen, bei der Kleidung wird liebevoll auf jedes einzelne Detail gesehen, und es gibt immer jemanden, der es geschafft hat, die Ausstattung nicht nur irgendwie hinzukloppen, sondern tatsächlich etwas nach bestem Wissen, Fundlage und handwerklichen Kenntnissen so nah wie möglich am Original, stimmig und funktioierend, herzustellen.

Bei Frisuren ist das ganz anders. Ich spreche jetzt vor allem von Frauenfrisuren, bei Männern enthalte ich mich erst mal aller Kommentare. Keine wissenschaftlichen Publikationen über die genaue Konstruktion einer Frisur (oder? was ich kenne, sind nur Randbemerkungen in allgemeinen Tracht-der-soundso-Zeit-Artikeln…), keine ausgebildete Friseurin, die sich mal Gedanken gemacht hat, nur sehr selten trifft man Gruppen an, die wenigstens ansatzweise mal Dinge überdenken und ausprobieren (eher übrigens in der Römer-/Germanen-Szene als im Mittelalter).

Statt dessen allenthalben wallende Barbarinnenmähnen, Fantasy-Prinzesschenfrisuren, Kopftuch-drum-passt-scho oder – im allerbesten Fall – ein „sieht ungefähr aus wie auf der Abbildung“…. letzteres ist natürlich legitim, würde aber im Fall Bekleidung schon einige kritische Fragen nach sich ziehen….

Um so schöner, wenn sich mal jemand richtig Gedanken macht und dann eine plausible Rekonstruktion einer hochmittelalterlichen Frisur aus Köln zaubert:


(klick für größeres Bild)

Die Zöpfe werden übrigens, ja, festgenäht!

(Ich hab nur den Kopf hingehalten, die Künstlerin ist Sonja von Tempora Nostra)

Vermittlung von Vergangenheit – Teil II: Modul Gesellschaft

So, nun die Fortsetzung hiervon

Um beim Ende anzufangen, ich habe durchaus Hemmungen, hier zu berichten, was im Modul Gesellschaft diskutiert wurde. Wir haben nämlich am Schluss einen gemeinsamen Text erarbeitet und abgestimmt, der, sobald er veröffentlicht ist, sozusagen das „offizielle“ Dokument dieses Moduls sein wird.

Da in den einschlägigen Foren jetzt schon zu sehen ist, dass die Berichte über die Tagung sehr genau gelesen werden und bei ungenauen Formulierungen oder bestimmten Reizwörtern die Emotionen sehr schnell hochkochen (das ist vielleicht ganz normal, zeigt es doch, mit welchem Engagement viele Leute dabei sind), habe ich jetzt die Befürchtung, dass eine Formulierung von mir hier zu Konflikten führt und das dann auf den Tagungs-Organisatoren runterkommt. Was ich unbedingt vermeiden will.

Also, Disclaimer: Der DASV ist der einzige, der Im Besitz des wirklich beschlossenen Ergebnisses ist. Und ich werde hier nur mal kurz aufzählen, welche Themen angesprochen wurden, und keine Ergebnisse bekannt geben.

Im Modul waren die beiden ReferentInnen Habsburg-Lothringen und Schuppener – leider nur bis Samstag Abend – anwesend, außerdem einige „Museumsleute“ und viele Archäologiestudenten. LH-ler waren nur drei dabei.

Themen:

  • Museen im politischen Kontext – Einflüsse durch Museumsförderung von Staat (auch EU) und Wirtschaft, Abhängigkeit von Besucherzahlenstatistiken
  • ein Museum kann nie „unpolitisch“ sein
  • Definition eines eigenen Profils durch die Museen selber, davon abhängig dann die Frage des Vermittlungskonzepts
  • Besondere Autorität von Museen – was im Museum gezeigt wird, wird vom Besucher als „wahr“ wahrgenommen
  • Rolle historischer Bilder bei der Stiftung von Identität – auch der Identität von LH-Gruppen
  • Probleme des Zeigens von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen am Originalfund und in der LH-Rekonstruktion
  • Verantwortung von Museen, gerade (aber nicht nur) beim Einsatz von LH vorhandene Klischees (z. B. vom heldenhaften, wilden Germanen) nicht auch noch zu verstärken

Hier noch ein persönlicher Eindruck: Ich glaube, dass „beide Seiten“ (wenn man denn nun zwei Seiten sehen will) noch sehr wenig voneinander wissen. Ich habe bei vielen Teilnehmenden eine große Offenheit und Neugier auf „uns“ LHler gespürt, das zeigte sich auch an Fragen in unserem Modul. Ich glaube, dass die ganze Bandbreite der Gruppen und Darsteller – von dem, wie sie sich selber sehen, und von dem, was sie einem Museum bieten können – , noch gar nicht so richtig bekannt ist.

Vermittlung von Vergangenheit – Teil I: Kurzbericht

Tagung “Vermittlung von Vergangenheit – Gelebte Geschichte als Dialog von Wissenschaft, Darstellung und Rezeption” vom 3.-5.07.2009 in Bonn im Rheinischen Landesmuseum

Da ich von einigen Leuten gebeten wurde, mal zu berichten, „wie es denn war“, versuche ich hier mal eine Übersicht über die Tagung. Einfach mal, um selbst nicht zu vergessen, worüber so geredet wurde.
Vorausschicken möchte ich, dass ich die Tagung insgesamt sehr gut fand und dass der DASV gar nicht genug gelobt werden kann für die Initiative, diese Tagung zu veranstalten, wie auch für die sehr gelungene Durchführung.

Hier kommt erst mal der Versuch, die „nackten“ Fakten zu berichten, in einem späteren Post werde ich dann (wenn ich dann noch die Kraft habe 😉 ) meine eigene Bewertung von mir geben.
Die Tagung war in vier „Module“ gegliedert: Wissenschaft – Darstellung – Qualität – Gesellschaft.
Von Freitag Mittag bis Samstag Mittag gab es Einführungsreferate vor allen TeilnehmerInnen (ca. 60-100, würde ich schätzen), Samstag Nachmittag und den halben Sonntag Vormittag diskutierte man dann in kleineren Gruppen nach Modulen aufgeteilt, danach wurden die Ergebnisse aus den Modulen noch einmal vor dem Plenum referiert. Im Anschluss Sonntag Mittag / Nachmittag konnten Darsteller noch etwas vorführen. Dabei gab es eine szenische Vorführung und mehrere Schautische mit Erläuterung.
Es begann am Freitag mit dem Modul Wissenschaft:

Dr. Antje Kluge-Pinsker, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz: “Wissenschaft für die Wissenschaftler – Action für’s gemeine Publikum? Optionen für ‘Lebendige Geschichte’ im Museum“

Frau Kluge-Pinsker erläuterte die verschiedenen Zielsetzungen, die das RGZM in seiner Geschichte hatte und berichtete von Schwerpunktverschiebungen zwischen dem Anspruch als wissenschaftliche Einrichtung einerseits und Einrichtung der Vermittlung von Wissen ans Publikum andererseits. Sie stellte verschiedene Möglichkeiten vor, dem Publikum die Vergangenheit aus Sicht eines Indoor-Museums nahezubringen. Dabei beschrieb sie mehrere innovative Ansätze, die eigentlich nicht so viel mit LH zu tun hatten, aber vielleicht mit dieser in Bezug zu setzen wären, wie z. B. museumspädagogische Aktionen, bei denen Kinder sich durch Nachbauen von Objekten in die Zeit einfühlen können (wobei die Objekte dann gar nicht aus historisch verwendeten Materialien sein müssten) oder seminar-artigen Aktionen, bei denen Besucher sich intensiver mit Exponaten und Themen beschäftigen und dann selbst dazu etwas erarbeiten und z. B. ihren Mitschülern präsentieren können. Auch der Einsatz von LH auf Museumsfesten / Museumsnächten etc. wurde – nicht ohne Nachdenklichkeit – angesprochen.

Dr. Gunter Schöbel, Pfahlbaumuseum Unteruhldingen: “Entstehung und Situation der archäologischen Freilichtmuseen in Europa”

Das folgende Referat setzte dem die Perspektive des Outdoor-Museums entgegen. Herr Schöbel erläuterte mit interessanten Bildern die Herkunft und Tradition von Freilichtmuseen. In diesem Zusammenhang kam zum ersten Mal die Problematik der Macht der Bilder zur Sprache: eine Rekonstruktion, wie sie im Freilichtmuseum wie im LH stattfindet, schafft Bilder, die beim Betrachter haften bleiben, und birgt damit auch die Gefahr, Klischees zu erzeugen und zu manipulieren. Wobei die Frage im Raum stand, ob das bei einem Exponat im Museum nicht auch (vielleicht in schwächerem Maße) der Fall ist.

Danach kam das Modul Darstellung.

Andreas Sturm, Rete Amicorum: “Quo vadis Living History? Von der Suche nach dem richtigen Umgang mit Geschichte als Erlebniswelt”
Herr Sturm referierte aus Sicht eines Anbieters über LH. Er befasste sich eigentlich nicht mit dem in seinem Titel angekndigten „richtigen Umgang“ oder mit aktuellen Diskussionen in der Darstellerszene über gute oder weniger gute Konzepte. Statt dessen versuchte er LH in Begriffe und Kategorien zu fassen, wobei er US-amerikanische Konzepte heranzog. Er stellte einen Anforderungskatalog für LH-Darstellung vor (der ebenso wie der Freiburger Katalog – dazu weiter unten – aus vier Hauptkriterien bestand und diesem sehr ähnelte). Dann ging er der Frage nach, warum LH eigentlich eine Wirkung auf Besucher hat, die stärker ist als traditionelle Präsentationsformen, und führte dazu Aspekte aus dem Bereich moderner Lernpsychologie (wie „Flow“) an. Da es zur Frage „wie wirkt LH konkret“ keine spezifischen Untersuchungen zu geben scheint, war das Ganze natürlich äußerst vorläufig, ließ sich aber ganz gut mit dem genannten Kriterienkatalog in Beziehung setzen.

Wulf Hein, Archaeotechnik: “Begreifbares Nacherleben von Vergangenheit. Archäotechnische Praxis im musealen Bereich”

Auch in diesem Modul boten die beiden Vorträge interessante Kontraste. Wulf Hein stellte sein Konzept als Archäotechniker vor, der in Museen die Bearbeitung prähistorischer Werkstoffe wie Feuerstein und Knochen vorführt, erklärt und „be-greifbar“ macht. Er nahm – auch hier etwas anders als im Titel seines Vortrags – zu aktuell diskutierten Fragen pointiert und gut verständlich Stellung, insbesondere zur Diskussion, ob eine Zertifizierung von LH sinnvoll und umsetzbar wäre und zur Diskussion, ob Hauptberuflichkeit wirklich zu besserer Darstellung führt. Auch sprach er noch einige Ärgernisse aus dem Alltag der Archäotechnik an, insbesondere wenn Personen vorgeben, Techniken zu beherrschen und zu erläutern, für die ihnen aber die Fähigkeiten oder der sonstige Background fehlen.

Das nächste Modul – Gesellschaft – passte auch noch mit einem Referat knapp in den Freitag hinein:
Dr. Bettina Habsburg-Lothringen, Museumsakademie Joanneum Graz: “Geschichtsmuseum und Gesellschaft. Zur Funktion einer Institution”
Frau Habsburg-Lothringen erläuterte auf hohem wissenschaftlichen Niveau und gut verständlich die historisch gewachsenen Funktionen von Museen z. B. als Medien nationaler Identitätsfindung durch den Anschluss an frühere Zeiten und „Völker“ und stellte verschiedene Überlegungen in den Raum, welche gesellschaftlichen Funktionen Museen heute haben bzw. haben müssten. Das Panorama war dabei sehr breit und eröffnete auch neue Blicke, z. B. auf das Museum als sozialräumliche Institution, das in einer Stadt oder einem Stadtteil die Menschen zusammenbringen und Diskussionen über soziale Entwicklungen in Gang bringen kann.

Danach hieß es den Ort wechseln, da der Abendvortrag und der anschließende Empfang im Akademischen Kunstmuseum stattfanden:

Dr. P. Rahemipour, DAI Berlin: „Zu Tradition, Absicht und Rezeption von ‘gelebter Geschichte’”

Die Referentin erläuterte die historische Entstehung und die Erscheinungsformen anschaulich gemachter Geschichte wie die Schaffung von Historiengemälden im Kontext historischer Museen, die Schaffung „lebender Bilder“, die Einrichtung historischer Pavillons in Weltausstellungen etc. Hier gab es einige Wiederholungen zum Vortrag von Herrn Dr. Schöbel. Besonders stellte sie die Darstellung des Neandertalers im Wandel der Zeiten vor, von einer Rekonstruktion als behaartes halb-tierisches Wesen zu einer unbehaarten Figur, und setzte dies in Bezug zum Topos des „Wilden Mannes“ in der europäischen Volkskunde.

Am Samstag Vormittag kam dann zunächst der zweite Vortrag des Moduls Gesellschaft:

Staatsanwältin N. Schulz, Staatsanwaltschaft Bonn: “Die strafbare Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gem. §86a StGb? und der Ausnahmetatbestand”

Frau Schulz stellte die rechtliche Situation insbesondere bei der Verwendung von Hakenkreuzen vor und arbeitete dabei sehr differenziert Aspekte heraus, die in der öffentlichen Diskussion – z. B. in Foren – oft nicht bekannt sind. Konkrete Fälle aus dem Bereich LH wurden vom BGH noch nicht entschieden, sie stellte jedoch die Rechtsprechung in vergleichbaren Gebieten (z. B. Antiquitätenhandel) vor.

Prof. Dr. Dr. G. Schuppener, Universität Leipzig: “Missbrauch von germanischen Mythen und Symbolen im aktuellen Rechtsextremismus“

Herr Prof. Schuppener erläuterte, welche Elemente „germanischer“ Mythologie für den Rechtsextremismus attraktiv und anschlussfähig sind und in welcher Form in der aktuellen rechtsextremen Szene darauf Bezug genommen wird. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass oftmals die Begriffe, deren historische Bedeutung und deren aktueller Bezug in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind, so dass sich bestimmte Gruppierungen auch unter solchen Begriffen und Symboliken tarnen, und erläuterte dies an Beispielen.

Als letztes Modul war die Qualität dran:
Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: “Geschichte dramatisch nachbessern?”
Herr Hochbruck leitet ja das Forschungsprojekt an der Uni Freiburg und stellte die Fragestellungen und ersten Ergebnisse vor. Dazu gehörten die oben schon erwähnten vier Grundkriterien (aus meinem Gedächtnis ganz grob: Fachwissen auf aktuellem Stand, Korrektheit der Ausrüstung, Vermittlungskonzept und schauspielerische Fähigkeiten) und einige Ansätze zur Schaffung einer Plattform, auf der sich die Beteiligten untereinander austauschen und Kriterien für Qualität im Einzelnen erarbeiten könnten.

Dr. Maren Siegmann, Museum in der „Alten Schule“ Efringen-Kirchen: “Qualität ist, wenn keiner eine Brille trägt !? Darstellung zwischen Wunsch und Wirklichkeit”

Frau Siegmann referierte sozusagen in einer Doppelrolle: zum Einen als Museumschefin und zum Anderen als Mitglied einer Frühmittelalter-LH-Gruppe. Sie erläuterte mit einer sehr vergnüglichen und verständlichen Präsentation die Interessen des Museums einerseits, der Darsteller andererseits und gab im Endeffekt praktische Tipps für Museen, die Darsteller engagieren wollen.

Damit war da anspruchsvolle Vortragsprogramm absolviert und man teilte sich in vier Gruppen auf, um die Module im Einzelnen zu diskutieren.
Ich war im Modul „Gesellschaft“, und wir schafften es, eine sehr stimmige Abschlusserklärung zu erarbeiten. Aber dazu demnächst mehr – von mir oder anderen.

Provinzlerklamotte – Endspurt

Nur noch wenige Stunden bis zu meinem ersten Auftritt als Provinzialrömerin *hibbel* bei der Veranstaltung „Schwerter, Brot und Spiele“ in Xanten!

Wie das halt immer so ist: Als die Entscheidung fiel, dass wir uns an eine neue Epoche wagen werden, schien bis zu dem Termin Ende Juni noch seeehr viel Zeit zu sein. Also erst mal einlesen und rausbekommen, was man so für eine Provinzlerinnen-Ausstattung braucht. Irgendwelche Lösungen der Marke „zieh das Frühmittelalter-Kleid an, den Unterschied merkt eh keiner“ kamen nicht in Frage. Abgesehen davon, dass das nicht gestimmt hätte – es war ja doch sehr reizvoll, sich mal was ganz Anderes zu bauen!

Aber natürlich wurde es zum Ende hin dann arg hektisch und ich habe lange nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen habe. Heut abend müssen auch noch einige Kleinigkeiten fertig werden. Aber die Grundausstattung steht:

  • eine leinene Untertunika aus einer geraden Stoffbahn,
  • ein großes, aus zwei Bahnen zusammengenähtes Wolltuch 2,50 x 2,50 für ein Wickelkleid,
  • ein wollener Halbkreismantel, Radius 1,50,
  • zwei kleine Fibeln für die Schultern des Wickelkleides und eine große für den Mantel,
  • ein Paar Bundschuhe (carbatinae),
  • ein einfacher Gürtel, um das Unterkleid zu gürten, und ein selbstgemachter Sprang-Gürtel fürs Wickelkleid (mein allererstes Stück in Sprangtechnik, sieht grauenhaft aus, tuts aber erst mal),
  • einiges persönliches Zubehör – ein Becher und eine Schüssel in Terra Sigillata, ein Metall-Löffel, eine Knochen-Haarnadel, Stoffstreifen zum Festbinden der Frisur.
  • ein Lunula-Anhänger – die zugehörige Halskete ist bestellt, kam aber gestern nicht an. Wenn sie heute nicht kommt, muss ich mir für den Anhänger was überlegen….

Übrigens sage ich bewusst „Wickelkleid“, weil auch ich mich durch den Wirrwarr der Bezeichnungen in der Literatur (Hauptproblem: ein Wort wird für ganz verschiedene Kleidungsstücke verwendet) nicht mehr durchfinde.

Was ich nicht mehr geschafft habe:

  • vor allem die Haube, ich bin eigentlich der Meinung, dass der Kopfputz meiner „Figur“ eher eine Haube als eine Frisur ist, aber da ich keine Haube habe, werde ich jetzt mal plausible Frisuren austesten,
  • das Ganze hübsch zu dokumentieren.

Beides wird mit Sicherheit noch nachgeliefert.

Ich bin ja sooo aufgeregt!

Matronen

Ich plane ja, eine Bonnerin zur Römerzeit, so etwa im 2. Jahrhundert, darzustellen. Um diese Zeit lebte hier der Stamm der Ubier, und man nimmt an, dass die typische Tracht der Ubierinnen auf den Skulpuren dieser Zeit, vor allem auf den sogenannten Matronenaltären, dargestellt wird.

Charakteristisch ist die Art, wie die Kleidung drapiert ist, sowie ein sehr auffälliger Kopfputz, über welchen ich mir bereits denselben zerbreche….

Matronenaltäre sind Darstellungen von drei weiblichen Gottheiten, die hier im Rheinland sehr häufig (und in anderen Teilen des Römischen Reiches eher selten) vorkommen.

Ein Beispiel ist die bekannte Terrakotta des Fabricius aus Köln, von der man auf untenstehendem Foto eine Gipsreplik sehen kann – zusammen mit der Replik einer provinzialrömischen Zwiebelknopffibel sowie drei geschichtsdarstellenden Hasen in vollem Einsatz:

Fortsetzung folgt….

Familienzuwachs

Ich fass es nicht!
Kaum hab ich hier öffentlich zugegeben, dass ich an einer provinzialrömischen Darstellung arbeite, kommt hier ein Paket mit einem rätselhaften Absender an:

Und was ist drin? Naja, also man sollte eher sagen, wer ist drin…

Eine Häsin! In superschicker provinzialrömischer Kleidung!

Ich glaube, sie heißt Livia…
Sie hat sich auch schon mit den anderen hier bekanntgemacht:

Wo soll das bloß noch enden?

living history for beginners