Kopfputz und Haartracht Teil 2

Nachdem wir im ersten Teil einfach mal festgestellt haben, dass Kopfbedeckungen zu allen Zeiten an allen Orten getragen wurden, weil sie einfach praktisch sind, kommen wir nun zu einem weit komplizierteren Thema:

Kapitel 2: Die Kopfbedekcung der Frau im Lichte von Sitte, Moral und Religion

Für Kleidung und Kopfbedeckung ist nicht nur die Witterung, sondern auch das Moralverständnis, die Überlieferung und die Religion von Bedeutung.

Gängig ist dabei folgendes Bild:
Eine unverheiratete Frau (Mädchen / Jungfrau) trägt ihr Haar offen oder in Zöpfen, manchmal mit einem Kranz, aber im Prinzip unbedeckt. Eine verheiratete Frau bedeckt ihr Haar, zu manchen Zeiten vollständig inklusive Hals, Kinn und Dekolleté, zu anderen Zeiten wenigstens symbolisch mit Häubchen oder Hut. Dieses Bild herrscht in allen Teilen Europas vor, sowohl in der ländlichen Tracht als auch in der städtischen Mode, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein.

Ja, aber seit wann? Und wo kommt das her? Nach meinem Eindruck kann man diese Regeln für das Hoch- und Spätmittelalter wohl tatsächlich anwenden (die Kopfbedeckungen der Damen in Spätmittelalter und früher Neuzeit stehen zum Teil einem iranischen Tschador in nichts nach). Aber galt das auch im heidnischen Europa?

Auf römischen Grabsteinen werden oft Familien dargestellt, dabei sieht man häufig Ehefrauen mit einem Tuch über den Kopf. Andererseits kommen z. B. die Porträtbüsten römischer Kaiserinnen eigentlich immer ohne Kopftuch daher.
Auf den germanisch-keltisch-römischen Matronensteinen aus dem Rheinland wiederum, die die weibliche Trias Jungfrau – Mutter – alte Frau darstellen, tragen zwei der drei Figuren eine große Haube, die dritte nicht – sie wird daher immer als die Jungfrau identifiziert.

Daraus schließe ich: In der Antike war die Sitte der Kopfbedeckung für erwachsene Frauen gebräuchlich, von einer Pflicht zur Bedeckung der Haare ist mir hingegen nichts bekannt.

Kommen wir nun zur Religion. Die wichtigste Quelle für den Kopftuchzwang findet sich – nein, nicht im Koran, sondern in der Bibel:
Wenn ein Mann betet … und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet … und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. … Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahlscheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. … Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen.
(1. Brief des Paulus an die Korinther 11, 4-10, Einheitsübersetzung)

Nebenbei bemerkt, ist der Koran zumindest wenn man ihn wörtlich nimmt, nicht so präzise: ein Kopftuch wird nur bei den Frauen des Propheten erwähnt (Sure 33, 53), die Frauen der Gläubigen sollen lediglich ihre „Scham“ bzw. ihre Brust verhüllen (Sure 24, 31; in meiner bestimmt nicht progressiven englischsprachigen saudi-arabischen Ausgabe lautet das Wort „bosom“).

Und was lernen wir nun daraus, liebe Gemeinde? Vielleicht einiges über den interreligiösen Austausch (*bösegrins*). Für das hier eigentlich diskutierte Thema lernen wir: Wer eine christliche Frühmi-Frau darstellen will, sollte sich, um nicht der ewigen Verdammnis anheimzufallen, in der Regel das Haupt bedecken. Eine vergleichbare religiöse Pflicht ist für eine heidnische Frau des Frühmittelalters nicht bekannt.

Demnächst in diesem Theater: Teil 3: Anhaltspunkte aus den Quellen für Kopfputz und Haartracht des 10. Jahrhunderts, und Teil 4: Die Slawin und der Schläfenring!

10 Gedanken zu „Kopfputz und Haartracht Teil 2“

  1. Is ja irre! Sprachlos bin ich nun. Da tun die Moslems so als ob, und dabei sind’s die Christen, die’s zur Pflicht erkoren haben. Da hat bestimmt mal einer in die Bibel gelinst, um die Frauen besser an die Kandare nehmen zu können. *grmbl* Dann bedeutet das wohl, dass ich irgendwann eine Kopfbedeckung brauche. *seufz* Ich warte aber erstmal auf die restlichen Teile – vor allen Dingen auf diesen spannenden Schläfenring!

    1. Wörtlich genommen bezieht sich Paulus zwar nur auf den Gottesdienst (der von mir gekürzte Passus lautet vollständig „Wenn eine Frau betet oder prophetisch redet..“). Aber man hat diese Vorschrift wohl auf das übrige Leben übertragen. Man weiß ja auch nie, ob man mal außerhalb des Gottesdienstes in die Verlegenheit kommt, beten oder prophetisch reden zu müssen…

      Ich gehöre übrigens nicht zu der Sorte Islamophiler, die daherkommen mit „eigentlich ist ja der Islam ganz toll, nur die blöden Muslime haben ihn falsch verstanden“. Ich rege mich allerdings außer über islamische IdiotInnen beiderlei Geschlechts, die ihren Kindern erzählen, dass alle Mädchen ohne Kopftuch in die Hölle kommen, eben auch über die selbsternannten Frauenbefreier von CDU & Co. auf, die immer das ach so frauenfreundliche christliche Abendland im Munde führen. Komischerweise aber nur wenns gegen die Muslime geht, ansonsten ist das die Partei, die jahrelang gegen eine Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe eingetreten ist…

    2. … und Homosexualität doch eher für eine Krankheit hält und Abtreibung für indiskutabel etc., etc., etc. Hach ja. Schwer vermittelbar heutzutage, dass es zwischen übertzogenem Christentum und überzogenem Islam eben keinen Unterschied gibt.

    3. @Frau Muse:
      Na das ist ja interessant. Was ich nicht alles nicht weiss 😉 „Überzogene“ Christen glauben also z.B. an den Koran und „überzogene“ Moslems an die Apokalypse des Johannes? Hmmm. Oder vielleicht doch eine etwas sehr polemische Vereinfachung?

      Frieden und Freundschaft
      Borre

    4. Ich glaube, lieber Herr Borre, da haben wir uns missverstanden. Mit überzogen spiele ich auf die Gläubigen an, die ihren Glauben über die Freiheit des Einzelnen stellen und Menschen verurteilen, weil sie nicht so sind, wie sie in das starre Glaubensbild eben jener Gläubigen passen. Oder, noch schlimmer, wenn Gläubige ihren Glauben als Vorwand nehmen, um andere Menschen zu unterdrücken etc. Ich habe nichts gegen jeglichen Glauben, solange er jedem Menschen seine Grundrechte lässt.

    1. Nanana, nu nicht noch kommunistisch werden. Frau Luxemburg, eine Spartakistin hat Letzteres im Mund geführt. Und alles, was links und damit atheistisch klingt, ist von Christen, Juden, Moslems, Buddhisten etc. und Konservativen freigegeben worden zum Abschuss.

      Wer anderen vorschreibt, wie er/sie was zu machen hat, ist schon auf dem besten Weg zum Unterdrücker, egal welche Farbe. Also: Friede Freude Eierkuchen.

    2. was sollen uns diese worte sagen? ich kann grad nicht ganz verstehen, warum dieses uralte Posting nun mit absolut wirrem, nicht aufs Thema bezogenen Schwadronieren kommentiert werden muss.
      Nix gegen lebhafte Diskussionen – aber bitte aufs Thema bezogen und mit klaren Aussagen.
      Alles, was zukünftig in diese Richtung geht, werde ich löschen.

Schreibe einen Kommentar