Römer am Niederrhein

Der Bau des Wikingerzelts hat mich doch etwas mitgenommen und – confessio – meinen Basteleifer einige Wochen lang gelähmt. Kleinere Ausflüge, wie z.B. in den Archäologischen Park in Xanten, bieten Erholung von den Härten des Reenactments. Womit ich das Frühmittelalter und Borres und Lunulas Wikingerdasein einen Beitrag lang verlasse.

Die römische Kolonie Colonia Ulpia Traiana (CUT) lag neben der heutigen Stadt Xanten am Niederrhein und wurde im Gegensatz z.B. zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA, Köln) im Mittelalter nicht überbaut. Auch heute liegt die verlassene römische Kolonie CUT auf „freiem Feld“: Im Original ist kaum etwas zu sehen, denn die römische Stadt wurde bis auf die Grasnarbe als Steinbruch genutzt.

Auf dem Gelände der CUT entstand ab 1977 der Archäologische Park Xanten, in dem, da überirdisch keine Ruinen zu sehen sind, die Rekonstruktionen sehr unvermittelt aus dem Boden wachsen, z.B. das Nordtor:


Da ich von Abbildungen „romantischer“ Ruinen geprägt war, fand ich die Atmosphäre in Xanten schon als Kind sehr seltsam. Gepflegter Rasen und dann – wupps! – der Hafentempel:


Apropos „romatische Ruinen“. So manchen Urlaub habe ich in Griechenland damit verbracht, in glühender Hitze über verfallene Tempel zu steigen und mich an der Schönheit der klassischen Architektur und der griechischen Landschaft zu freuen.

Das Frühmittelalter-Reenactment hat Urlaube in den Süden erst mal verhindert, dafür aber mein Interesse an Bekleidung, Einrichtung und Werkzeug geweckt – um so mehr als im skandinavischen Frühmittelalter Marmorsäulen etc. nur spärlich gesät sind :-))

In der wieder aufgebauten Herberge der CUT, die heute als Restaurant genutzt wird, ist römische Gebäudeeinrichtung rekonstruiert worden:

Das Schlafzimmer.


Ein kleines Badehaus, hier das Warmbad (Caldarium).


 

Die Einrichtung großer öffenlicher Bäder haben sich die Kaiser und lokale Magnaten viel Geld kosten lassen. Auch Xanten als Colonia besaß gewaltige Thermen, die auf einen Gebiet außerhalb des archäologischen Parks, der bisher nur etwa 50% der alten Stadtfläche ausmacht, ausgegraben wurden. Die empfindlichen Ausgrabungen unterhalb des Bodenniveaus wurden mit einer sehr gelungenen Stahl/Glas-Konstruktion in Form des Umrisses der römischen Thermen geschützt und sind als Museum zu besuchen:


An einem kleinen Ausschnitt eines Modells der Thermen kann man den Luxus ahnen:


Derartiges, so muss man neidlos anerkennen, hatte das Frühmittelalter nicht zu bieten!

Ein Gedanke zu „Römer am Niederrhein“

  1. Absolut überirdisch, dieser Beitrag… tolle Bilder!
    Nur noch eine kleine Besserwisserei am Rande:
    Oberirdisch = oberhalb des Bodenniveaus
    Überirdisch = jenseits irdischer Maßstäbe, göttlich, metaphysisch, übersinnlich
    Machen aber fast alle falsch. Wahrscheinlich so viele, dass das Wort „überirdisch“ bald eine neue Bedeutung annimmt.
    Grüße ins „hillige Kölle“
    Lunula

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