Der Negerkönig

Warum sich eigentlich aufregen? Als Kind bekam ich Steuben und Hans Dominik zu lesen und war begeistert. Keiner regte sich darüber auf, dass das das mindestens halbbraune Literatur war. Mehr oder weniger bearbeitet nach dem Krieg.

Bei meinem Lieblingsromancier lernte ich zuerst, dass Verlage die Schreibe als Rohmaterial für ihre Produkte sehen. Korrigiert, lektoriert, sprachlich modernisiert, gekürzt, bearbeitet, aktualisiert und in andere kulturelle Umfelder übersetzt. Je mehr Kinderbuch oder Unterhaltung desto mehr. Ob es überhaupt „einen Autor“ gibt, ist die Frage.

Und dann das Geheule um den Negerkönig. Untergang des Abendlandes! Linksfeministische ZelotInnen richten Kultur und Literatur durch ihren Meinungsterror zugrunde! Wo Schreibe doch eh‘ beliebig durch den Wolf drehbare und umwürzbare Masse ist. Entweder wissen sie es nicht oder sie verschweigen es. Ich bin für letzteres. Weil sie keine Neger wollen und es deswegen praktisch ist, von Negerkönigen zu reden. Das abgrenzt so schön im Kampf der Kulturen.

Ich bin für den Südseekönig. Neger ist eine Herabwürdigung und die Änderung ist minimal. Im meinem Hinterstübchen überlege ich gerade, ob man nicht vielleicht besser Thomas und Annika streichen könnte? Ach nee, dann verschenke ich lieber ein anderes Buch. Was schade wäre: Kinder sind ja schließlich keine Volltrottel. Aber der dicke Bauch vom Südseekönig sieht so einfach besser aus.

P.S.: Ich habe mir gerade Andreas Nohls Neuübersetzung von Tom Sawyer & Huckleberry Finn bestellt. 100 Seiten Anhang 🙂 . Mal sehen, wieviel sich seit meinem Kommunionsgeschenk geändert hat. Oder vorher.

Die nette Keltin

Ich nenne sie immer die nette Keltin und dabei bleibe ich auch jetzt.

Als wir mit der Wikingerei anfingen, war klar, dass sich im weiteren Umfeld auch unangenehmes Volk am völkisch-braunen Rand rumtrieb. Am ach so „unpolitischen“ Lagerfeuer  kann man naiv alle Warnungen übersehen. Besonders die subtileren Symbole. Aber wozu gibt es das Internet?

Webseiten  gab es reichlich, um sich grob aufzuschlauen. Weiter kam man schon mit den Artikeln von Hans Schumacher und anderen beim Rabenclan, für die ich noch heute herzlich dankbar bin. Es war die große Zeit der Internet-Foren. Aufgrund des Themas war ich freilich meistens „schnell weg hier“….

In einem Heidenforum blieb ich dann hängen. Diese Admins waren anders. Sie hielten ihren Laden sauber. Gelegentlich postete ich selber etwas, da Reenactment dort manchmal ein Thema war. Viele User waren irgendwie obskur spirituell. Seltsam beliebig. Reikipakete über die Regenbogenbrücke channeln und so. Das ist ja nun nicht so mein Ding. Dann gab es die Volltrue-Metaller, die offenbar ein frühkindliches Problem mit dem Christentum hatten. Oder Leute, die ihre eigene Identität durch Abgrenzung erschaffen. Wenn schon nix drin ist, dann wenigstens Grenzen drumherum.

Aber es gab auch andere. Besonders die nette Keltin. Sie war Moderatorin des Forums und etwas besonderes. Ihr religiöses Erleben war nicht aus schlechten Romanen und Esobüchern abgekupfert. Sie studierte damals Sprachen und konnte Wissenschaftlerin und gleichzeitig Heidin sein, ohne diese beiden Sphären unappetitlich zu vermischen. Ganz im Gegenteil. Das nötigte mir schwer Respekt ab. Vor beiden Spähren in ihr.

Sie verschwand bald aus dem Forum. Andere Dinge standen wohl im Vordergrund. Jahre später versuchte ich, sie auf FB anzufreunden, und schrieb selbstverständlich eine erklärende PN. Sie reagierte nicht.

Ich habe sie nie kennengelernt.

Lebensstandardslücke

Mein Banker hatte mich zu einem Vortrag eingeladen. Rief sogar vorher an, bevor er die Einladung losschickte. Wertschätzung und so. Allzu spannend klang es nicht, aber Wertschätzung ist etwas gegenseitiges und der Banker soll mich ja ernst nehmen. Also hin und außerdem sollte man viel häufiger auf seinen Vorurteilen rumtrampeln. Ist doch wahr.

Ich also spät, aber pünktlich. Bei Hönkel Trocken mit O-Saft vorher tu‘ ich immer etwas fremdeln. Schmeckt außerdem entsetzlich. Setze mich wie immer in die zweite Reihe. Da hört und sieht man am Besten und erblickt nicht das Stirnrunzeln hinten, wenn man selber redet. Angekündigt war Professor Schulz(*).

Zunächst begrüßt uns der Chef meines Bankers. Das gehört so. Er habe letztens Professor Schulz kennengelernt und der habe ihn zu völlig neuen Erkenntnissen geführt. Über die finanziellen Herausforderungen der Zukunft der Zielgruppe(**). Er meint auch mich. Leichtes Unwohlsein meinerseits, denn vom Tonfall musste das Kommende mindestens vom Erkenntniswert der Quantenfeldtheorie sein und Armageddon ist morgen. Endlich legt Professor Schulz los.

Ich mache die Sache kurz. Drei Viertel der Zeit verbrachte er damit, die Zielgruppe mit schlappem Chauvicontent und  großen banalen Zahlen einzufangen, einzukuscheln und anzuerschrecken. Gab uns das Wir-sind-schlau-und wichtig-Gefühl. Redete von den „Damen“ und so(***). Vermutlich hat er die besten Erfahrungen damit bei der Zielgruppe. Ich saß in der falschen Reihe vorne und hinten hätte ich auch nicht dazu gehören wollen.

Es ging um die LEBENSSTANDARDSLÜCKE im Alter. Versorgungslücke (*abgrenzabgrenz*) haben nur arme Leute und dös samma ned. Soweit so gut.  Rente  ist ein ernstes Problem, sowohl bei Versorgungslücke (*sammajaned*) wie bei Lebensstandardslücke. Wir wollten Ausgaben mindestens wie bisher, aber ohne z.B. die Villa verkaufen zu müssen. Zinsen gibt es ja nirgends.  Ergebnis des Vortrags: Derzeit gibt es die höchste Rendite bei der gesetzlichen oder privaten Rentenversicherung. Das war mir auch noch nicht klar. Aber hej, dafür hätten 10 Minuten gereicht. Stattdessen muss ich 70 Minuten fremdschämen? Stehe ich überhaupt nicht drauf.

Was mich aber am Meisten erschreckte, war, dass für den Chef meines Bankers die LEBENSSTANDARDSSLÜCKE eine earthshattering groundbreaking Erkennnis war, für die Professor Schulz so sehr zu danken sei. Welches Kundenklientel hat er?

Ich verdrückte mich danach möglichst schnell. Verzerrt lächelnd.


(*)   Name von der Redaktion geändert.
(**) Ich schweige.
(**) Ich sage jetzt nicht, dass auch Vergleichszahlen aus dem Rotlichtmilieu vorkamen. Es war aber so. Meistens meinte er mit „Damen“ die Ehefrauen, ggf. mit eigenem Einkommen.

 

Mein Max Frisch und die Kunst

Ihr Ex war ein Künstler und sie lud mich auf seine erste Vernissage ein. Naja, er war noch ganz am Anfang und auf luxuriöse Häppchen mit Schampus war nicht zu hoffen. Auch nicht auf blasierte Society. Schade. Trotzdem hin, denn ich war noch nie auf einer Vernissage gewesen. Immerhin hatte ich schon Vorurteile.

An die Kunst kann ich mich nicht mehr erinnern und auch nicht an die Mettbrötchen und Cola. Dafür aber an Max Frisch.

Mein Max Frisch ist der Homo Faber. Mein erstes „ernsthaftes“ Buch. Begleitet mich seitdem und auf einmal fängt der Jungkünstler an, von Max Frisch zu reden. Es sei das wichtigste Buch seines Lebens, sagt er. „Oh, ein Seelenfreund“, denke ich, „wie schön!“ Erkannt habe er beim Lesen, dass so eine Technikerexistenz sinnlos und leer sei und er in diesem Moment beschlossen habe, Künstler zu werden. „Meine Fresse,“ fühle ich, „was für ein Flachwichser!“ Er stank nach Kleingeistigkeit und nach abgestandenen Lachshäppchen.

Kunst? Kunst ist Schrödingers Katze. Kunst ist Mammen und ist Urnes. Kunst ist die Unité d’Habitation und ihr Scheitern. Kunst ist die Bar in den Folies Bergère, die man nicht photographieren kann, und Zirnbauers Elektrodynamik. Kunst ist nichts ohne die andern, deren Teil ich bin. Ist Kant. Und Kunst ist das Eifeler Brot.

Und mein Max Frisch?

Auf der Welt sein: im Licht sein. Irgendwo (wie der Alte neulich in Korinth) Esel treiben, unser Beruf! – aber vor allem: standhalten dem Licht, der Freude (wie unser Kind, als es sang) im Wissen, dass ich erlösche im Licht über Ginster, Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein.

The Naked Being

Samstag: Kreditkartennutzung online abgelehnt. Irgendwas zickt. Naja, soll ja auch ohne gehen. Montag: Schon wieder. Woanders. Der Musik-Store weigert sich. Pleite.

Höchste Zeit, die Service-Hotline anzurufen. Die Wartemusik krächzt lang, eigentlich zu lang für Leute, die mit meinem Geld dealen. Naja, man muss nicht immer möppern. Ich frage den freundlichen Herrn – endlich geht wer dran – also, warum meine Karte gesperrt sei. Zur Sicherheit fragt er mich erst nach Kreditkartennummer, Geburtsdatum, Adresse und nach den ersten 3 Stellen meines Kontos. Professionell. Gefällt mir.

Der Herr kann mir direkt antworten. Die Karte sei überbucht, weil zwar ein größerer Betrag korrekt abgebucht worden sei, der betroffene Händler die ursprüngliche Reservierung aber nicht gelöscht habe. Der Betrag war quasi doppelt geblockt und ich war zahlungsunwürdig. Mir wurde übel, denn eine „hängende“ Zahlung hatte ich schon einmal versucht einem Händler zu erklären. Dessen Callcenter verstand kein Wort und hätte eh‘ nichts tun dürfen. Hatte der Händler danach halt einen Kunden weniger.

Aber weit gefehlt, mein freundlicher Herr von der Kreditkartenhotline erkennt nicht nur das Problem, sondern sieht auch, dass die eigentliche Zahlung getätigt worden war und hat sogar die Kompetenz, die überzählige Zahlungsreservierung zu löschen. „Es funktioniert wieder“, sagte er. „Moment“, sage ich, denn ich bin mit dem Browser noch im Store, „ich probiere es aus“. Neuer Kaufversuch. „Ah, sie sind im Musik-Store, 1,89 €“, sagt er. WOW! Ich war noch mitten in der Transaktion, der Store hatte noch gar nicht „OK“ gesagt.

Gruselig.

Schere im Kopf

Letztes Jahr. Ich erzählte einem alten Herrn von mir und er erzählte mir von seinem Nachbarn. Einsatzgruppen. Todesurteil.

Die Person war mir  bekannt. Und dennoch kam es aus heiterem Himmel. Wer erwartet heut noch solche Geschichten beim Kaffeetrinken.

Es treibt mich um. Ein Jahr lang fragte ich mich, was mich eigentlich umtreibt. Es ist das nicht Reden können. Bis zu seinem Tod erfuhr das Berufsumfeld des Mörders nichts. Die Wenigen schwiegen. Der alte Herr sagte mir, dass die Familie vielleicht bis heute nichts wisse.  Im Ort wurde geschwiegen. Ich überlegte gerade 10 Minuten, bis ich auf „Berufsumfeld“ kam. Damit man ihn nicht identifizieren kann. Wegen des alten Herrn. Wegen dessen Familie. Wegen achscheiße. Wegen mir? Ich schweige selbst. Das ist es.

Also werde ich über das Schweigen bis ins siebte Glied schreiben.

Und über die Abspaltung. Man kann nicht Goethe, Kant, die Schönheit der Eifel, Currywurst und Döner für sich in Anspruch nehmen, die Shoah aber nicht. Wenn, dann das Ganze. Auch die  Schuld.

 

Gewaltmonopol

Das Recht des „freien Bürgers“ scheint zunehmend wieder zu sein, bewaffnete Banden Bürgerwehren zu bilden, die mich schützen wollen und sollen. Aber ob ich das will oder wollen sollte?

So zum Beispiel??

Ich gehe jeden Tag durch eine kleine Unterführung am Bahnhof. Da ist ein Blumenstand und ein mobiler Crèpe-Stand. Hobos verkaufen ihre Zeitung. Punker sitzen auf der Wiese. Manchmal machen sie Krach. Manche grüßen mich und freuen sich. Solange die Punker da sitzen, werde ich mich sicher fühlen. Weniger, weil sie mich vor Bürgerwehren beschützen würden, sondern weil ich weiß, dass ich keines Schutzes bedarf, solange sie frei sind da sitzen zu dürfen. Freut mich jeden Tag.

Borre – Becoming a Reenactor