Auto

Automobil, das: Leider unerlässlich fürs Reenacten, was ziemlich schade ist, weil ich nämlich keins habe und auch nie eins haben werde, da ich zum Autofahren zu blind bin. Wichtiges Element eines Mittelaltermarktes oder -festes ist das Wohnen im Zelt. Neuzeitliche Zeltausrüstung (Ultraleichtzelt mit Teleskopstangen, Schlafsack, Isomatte) passt in einen Rucksack. Halbwegs authentische (siehe -> A) tut dies nicht. Größter Posten ist das Wikingerzelt, dessen Längsbalken in der Regel um die drei Meter oder mehr messen, dazu kommt die Zeltplane aus schwerem wasserdichtem Naturfaserstoff, zum Schlafen und Lagern diverse Decken und Schaffelle und wenn man es etwas netter haben will, auch noch hölzerne Tische und Bänke. Nicht zu vergessen Ausrüstung für die Mittelalterdarstellung und das täglich Notwendige, wie eine Axt zum Holzhacken, ein Dreibein zum Kochen, Werkzeug, Waffen etc. etc.
Die wesentlich authentischere Verwendung von Pferde- oder gar Ochsenkarren ist ungebräuchlich, zum einen, weil Reenactors und -actresses im Wirklichen Leben oft auch noch einen Job und daher nicht die Zeit haben, die Strecke von 150 km zum nächsten Mittelaltermarkt in einer Woche zurückzulegen und zweitens die Infrastruktur (Straßen, auf denen Fuhrwerke erlaubt sind, Poststationen mit Stallung) heutzutage nicht mehr zur Verfügung steht.

Hurra, wir fahrn ins Mittelalter !

Das Mittelalter befindet sich in diesem Fall, nämlich über das verlängerte Himmelfahrt-Wochenende, in Groß Pinnow, einen Steinwurf (naja, mit einer größeren Steinschleuder) von der Oder und der polnischen Grenze entfernt. Für Borre und Lunula der erste „Einsatz“ auf einem Mittelalterlager mit allem Drum und Dran, also insbesondere im Wikingerzelt übernachten, über offenem Feuer kochen und so.

Auf der Fahrt mit den netten Leuten, die schon länger im Frühmittelalter zugange sind und von denen ich in diesem Blog auch noch berichten werde, wird schon diskutiert, wo die Grenze zum Mittelalter eigentlich liegt. Sicher noch nicht am Ort des Aufbruchs, an dem zwei Autos und ein größerer Anhänger mit all den Utensilien beladen werden müssen, die sechs Personen für vier Tage Mittelalter so brauchen: große Mengen Holzbalken für Zelte, ebenso Zeltplanen, Tische, Bänke, Decken, Felle, Gewänder, Waffen, Lebensmittel, Werkzeug…

Auf einer schönen grünen Wiese sind schon einige Zelte aufgebaut. Wie zu erwarten (war ja als Ritterfest angekündigt) sind fast nur Homis (Hochmittelalter, vgl. die lichtvollen Ausführungen von borre) mit ihren Rundzelten da, es stehen auch schon einige Ritterrösser auf improvisierten Koppeln rum (Reenactresses müssen u. a. souverän das Ausweichen vor Pferdeäpfeln beherrschen!). Wir schlagen also unsere Zelte auf und stellen fest, dass die selbsttragende Wikingerzelt-Konstruktion wirklich was Feines ist, verglichen mit dem Umsatz an Heringen und Spannleinen, den unsere Nachbarn so haben.

Nachdem die Zelte stehen, werfen wir uns in unsere Gewandungen und beginnen damit, uns wohnlich einzurichten, d. h. Tische, Bänke und Feuerstelle aufzubauen, Wasser zu holen, Feuerholz zu hacken usw. Hierbei ist zu bemerken, dass borre und mir dies als gutes Anfängerlager empfohlen wurde, da Feuerholz, Frischwasser und gute Toiletten in direkter Nähe bzw. überhaupt vorhanden sind, was bei vielen dieser Veranstaltungen nicht undbedingt gegeben ist. Schaun wir mal.
Donnerstag und Freitag gehen damit hin, dass unsere netten Mitwikinger Bekannte begrüßen (und uns vorstellen), wir an unsereren mitgebrachten Handwerksarbeiten werkeln, zwischendurch Essen machen (oder auch von Veranstalter welches bekommen). Eine Erkenntnis: Das Mittelalter kann ganz schön kalt sein, vor allem abends, aber auch tagsüber, wenn die Sonne weggeht und der uckermärkische Wind pfeift. All die Wollsachen, die ich über mich selbst kopfschüttelnd eingepackt habe für den äußerst unwahrscheinlichen Notfall, dass es richtig kalt wird, habe ich jetzt schon an und friere trotzdem noch… wie gut, dass die erfahrene Mit-Reenactress mir noch eine Wolltunika für drüber borgt. Oje, das bedeutet, dass ich mir jetzt ganz schnell noch irgendwie ein dickes Wollkleid nähen muss, allein mit dem dünnen Leinenkleid werde ich nicht weit kommen.

Kämpfe und arbeite – die Grundregel der Frühmis (Orden brauchen wir dazu allerdings nicht)

Samstag und Sonntag sind dann die Tage, an denen das meiste Publikum auftaucht. Nach meinen Maßstäben gar nicht mal so wenige Leute, dafür, dass der Ort doch etwas abgelegen ist.
Wir stellen also fleißig Frühmittelalter dar, und unsere Nachbarn Hochmittelalter. Dabei ist mal wieder festzustellen, dass Borre und ich die richtige Wahl getroffen haben:
Frühmittelalterdarstellen ist einfach vielseitiger. Die zahlreich und mit vielen verschiedenen Farbkombinationen vertretenen Ordensritter schmeißen sich in ihre Rüstungen, gehen zum Turnier und kloppen sich in vielen verschiedenen Varianten (zu Pferd, zu Fuß, mit und ohne Rücksicht auf Verluste) und stellen im Ruhemodus ihre schicken Schilde und Rüstungen vors Zelt. Das war’s weitgehend. Kampfunfähige oder -unwillige Gruppenmitglieder, insbesondere Frauen und Kinder, haben hauptsächlich die Aufgabe, gut auszusehen. Bei Frühmis hingegen ist immer was los: da kann auch Kampftraining beobachtet werden (mit deutlich mehr Rücksicht auf Verluste, schon wegen weniger Panzerung), aber es wird eben auch Holz geschnitzt, Schuhe gefertigt, Kleidung genäht und Brettchenbänder gewebt. Samstag binde ich mich mitsamt meinem Brettchen-Equipment an einen Zeltpfosten und erwische mich dabei, wie ich jungen Familien das Grundprinzip des Brettchenwebens erkläre (das werde ich in diesem Blog irgendwann auch noch tun) und dabei staunende und bewundernde Blicke (huch!) ernte. obzwar ich das Brettchenweben selbst erst seit wenigen Monaten betreibe und das vorgezeigte Exemplar mein erstes ernst zu nehmendes ist.

Für Spiel und Spaß ist aber auch bei Frühmis gesorgt. Wir spielen ein Spiel, das ganz entfernt an Völkerball erinnert, nur dass die beiden Heere aus großen Baumstücken bestehen, die mit kurzen Ästen abgeschossen werden müssen. Obwohl ich, Lunula, kaum geradeaus gucken kann, gewinnt meine Mannschaft das Spiel. Prima. (Irgendwann fällt mir auch wieder ein, wie das Spiel hieß.)

Der Kontakt mit Homi und Gromi ist aber auch nicht zu verachten, immerhin erscheinen einige Leute, die interessant, lustig oder sehr angenehm sind, wie zum Beispiel einige sehr begnadete Musikanten (anderen hört man an, dass das ausgiebige Üben auf Dudelsäcken wegen der damit verbundenen Lautstärke offenbar nicht zu Hause, sondern nur auf Mittelalterfesten selbst möglich ist…), begabte Jongleure oder die Frau mit dem tollen Badezuber.

Alles in allem: Im Mittelalter wars toll! Bald gibts mehr davon! In ein paar Tagen kann ich auch berichten, ob die befürchtete Mittelalter-Erkältung eingetroffen ist. Dann müsste ich halt noch etwas an meiner Abhärtung arbeiten… A propos Abhärtung: Meine Fingerkuppen sind ganz zerstochen von dieser dummen Schusterahle. Vielleicht doch mal die Tetanus-Impfung auffrischen.

lunula richtet sich nicht nach dem Alphabet

Ja, nun habe ich also ein Lexikon angefangen, was mich moralisch dazu verpflichtet, sämtliche Buchstaben des Alphabets mit Reenadtress-Leben zu erfüllen. Aber habt bitte Verständnis, wenn diese Auflistung nicht dem Alphabet folgt, sondern dem, was mir gerade so einfällt. Irgendwann wird das Ganze dann auch mal sortiert, ich versprechs.
Unter anderem liegt das zugegebenermaßen daran, dass der Buchstabe B mit so vielen wichtigen Wörtern aufwartet (Birka, Borre, Belzig…), dass ich gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht… also Ausweichmanöver: Jetzt kommt was unter Buchstabe R.

Romantik:
(1) Stilepoche etwa ab Beginn de 19. Jahrhunderts, die für ziemlich viel Unfug rund ums Mittelalter verantwortlich ist (bald wird es hier auch das Stichwort Hörnerhelm geben). Ausgehend von allgemeiner Unzufriedenheit mit den Folgen von Industrialisierung, Verstädterung und Materialismus, versuchte man sich auf schöne Dinge zurückzubesinnen, wie die guten alten Zeiten, das idyllische Landleben, die wahre tiefe deutsche Seele… Wir verdanken dieser Zeit auch viele tolle Sachen, z. B. die Sammlung alter Märchen und Sagen, die sonst wohl damals rettungslos ausgestorben wären. Leider wurde das, was damals z. B. über das Mittelalter bekannt war, im Stil der Zeit stark verkitscht, und es wurden z. B. in Ritterromanen sehr stark wirkende Bilder erzeugt, die heute noch unser Mittelalter-Bild prägen (z. B. die Vorstellung, dass das ganze Mittelalter mit Recken in Blechrüstung bevölkert war, die ständig aufs Turnier ritten und der edlen Minne frönten). Aus politischen Gründen konstruierte man zudem in Deutschland ein Bild der bereits erwähnten tiefen deutschen Seele, der reinen, edlen deutschen Traditionen, die angeblich klar zu trennen und viel besser waren als die „fremden Einflüsse“ zum Beispiel des römischen Rechts.

(2) Pauschaler Vorwurf an Menschen, die sich mit Mittelalter beschäftigen. Insbesondere beliebt in Kreisen, die glauben, dass ein Mensch, der vergangene Zeiten, deren Gebräuche und Wertesysteme interessant findet, diese alle super findet und dazu noch idealisiert.
Wahr ist vielmehr: Ein bißchen Romantik und Träumerei ist sicher immer dabei, aber Reenactress und Reenactor wissen besser als andere Leute, wie hart das Leben im Mittelalter wirklich war (s. Stichwort „A“). Gäbe es Zeitmaschinen, würde unsereine sicher gerne mal eine Reise ins Mittelalter unternehmen – aber bitte mit Rückfahrkarte.
Zudem ist es dumm, zu glauben, Mittelalter-Freaks fänden z. B. das Feudalsystem toll, genauso wenig, wie z. B. die Vorstellung, dass Leute, die den „Herrn der Ringe“ mögen, in dem die Fieslinge zugegebenermaßen furchtbar fies sind, auch im Hier und Jetzt an ein Reich des absolut Bösen glauben und an die Notwendigkeit, es ratzeputz zu vernichten.

Wer A sagt, muss auch ’nen Kreis drumrum machen

An diesen alten Spruch fühlte ich mich wieder erinnert, als ich in den letzten Tagen über das „A“ sein an sich nachdachte (und das hat jetzt gar nichts mit dem Auto-Kennzeichen meiner reizenden österreichischen Blog-Gastgeber zu tun… hallo Leute von twoday!).
Zu meinen Hochschulzeiten trieb ich mich unter anderem unter Leuten rum, die Anarchismus als Lifestyle und Überzeugung betrieben – und wirklich um jedes A einen Kreis rum machten, zum Zeichen ihrer verschworenen Hingabe an die heilige anarchistische Sache. Jederzeit bereit, unverzüglich mit der Revolution gegen alle mächtigen Fieslinge dieser Welt, insbesondere „den Staat“ oder „die HERRschenden“ zu beginnen. Leider auch jederzeit bereit, die so zu Recht als Quelle allen Übels verdammte Macht direkt oder strukturell gegen jene auszuüben, die in der aktuellen Debatte gerade auf der anderen Seite standen.
Beliebtes Spiel zum Beispiel im Uni-AStA. (Aber, Leute, diese Zeit hat mich echt mehr über das Wirkliche Leben lernen lassen als das ganze Studium zusammen…)

Hoppla, jetzt bin ich aber abgeschweift. Eigentlich wollte ich hier etwas ganz anderes beginnen, nämlich

Lunulas absolut fantastisches Reenactress-Lexikon!

Und das beginnt bei

A:
Abkürzung für „Authentisch“. Zentraler Begriff der Reenactment-Szene. Beschreibt insbesondere Kleidungsstücke, Werkzeuge und andere Ausrüstungsgegenstände, seltener Tätigkeiten und Ernährung, die in der dargestellten Epoche tatsächlich getragen oder genutzt oder gegessen wurden, und zwar sowohl Materialien als auch Form, Farbe, Design und Herstellungstechnik.
Oberstes Ziel von Reenactor und Reenactress (neben dem natürlich gaaaar nicht wichtigen Ziel, total cool auszusehen und alle unheimlich zu beeindrucken) ist es, „a“ zu sein. Dies ist ein ziemlich schwieriges und anstrengendes Unterfangen, da die Neuzeit und vor allem das 20. Jahrhundert doch ziemlich viele Dinge eingeführt hat, die jedeR ständig mit sich rumträgt, auf die zu verzichten auch ganz schön hart sein kann, die aber ganz und gar nicht „a“ sind. Handys und Armbanduhren zum Beispiel.
Auf die Technik zu verzichten ist dabei noch nicht so schlimm, es wird aber komplizierter, weil auch der Verzicht auf z. B. folgende Dinge geübt werden muss:

  • Kleidung aus Baumwolle (Kunstfaser natürlich sowieso!),
  • Gerätschaften aus rostfreiem Edelstahl (Kunststoff sowieso),
  • Schuhe mit Sohlen aus Gummi, Kunststoff, mit Profil etc.,
  • Zigaretten, Kartoffeln, Tomaten, Mais und anderes Neuweltgemüse.

„Verzicht üben“ ist hierbei ein sehr treffender Ausdruck, denn es wird (hoffentlich) irgendwann einfacher. Jedenfalls ist das Ganze kein reiner Selbstzweck, sondern macht bei möglichst guter Annäherung an das hohe Ziel auch richtig Spaß.
Die Liste der auf dem Index befindlichen Gegenstände ließe sich noch lange fortführen und wird von mir im Rahmen dieses Lexikons mit Sicherheit auch noch fortgeführt.

lunula redet über kleidungsstücke und will nicht fummeln

Mir ist aufgefallen, dass ich in den letzten Berichten zu der Frage, wie sich eine Reenactress anzieht, mehrfach (!) von Outfit gesprochen habe, obwohl mir dieses Wort eigentlich überhaupt nicht gefällt. Klingt so, als hätte ich zu viele MTV-Dauerwerbe-LIfestyle-Sendungen gekuckt. Ist aber gar nicht wahr.
Wahrscheinlich war es die Verlegenheit, den richtigen Begriff zu finden. Die offizielle Bezeichnung dessen, was Reenactors und -actresses so am Körper tragen, einschließlich der nicht textilen Bestandteile, lautet „Gewandung“. Damit habe ich mich aber bisher noch nicht angefreundet, irgendwie klingt das zu sehr nach dem „seyd gegrüßet, edler Ritter“-Gelaber, das Borre zu Recht schon angeprangert hat.
Irgendwie hatte sich bei Borre und mir vorübergehend der Begriff „im Fummel“ etabliert, das kommt daher, dass uns dieser Begriff aus Nordrhein-Westfalen geläufig ist, allerdings weniger in der angeblich offiziellen Version „dünnes, kurzes, fadenscheiniges Kleidungsstück“ und mehr in der schwul-subkulturellen Version „hauptsächlich, aber nicht zwingend, weibliche Bekleidung, jedenfalls für einen besonderen Anlass ordentlich aufgebrezelt“.
Bei weiteren Recherchen musste ich lernen, dass das Wort noch andere Bedeutungen hat: so gibt es eine Meißener Backspezialität dieses Namens, und in Neufünfland existiert offenbar eine geläufige Verkürzung des auch mir als Wessi in der Vollversion bekannten Wortes „Ratzefummel“ für Radiergummi.
Außerdem gibt es ja noch das Verb „fummeln“, heutzutage erher schweinskramig belegt. Weswegen Reenactors und -actresses unter Umständen böse kucken, wenn man ihre Gewandung als „Fummel“ bezeichnet.

Also, weiter auf der Suche nach einem schönen Wort für eine schöne Sache.

Wie alles anfing, Teil (Sat)zwey

Unser Besuch in Satzvey war dann auch wirklich der Durchbruch. Hat einfach großen Spaß gemacht, sich all die lustigen Leute anzuschauen und all die interessanten Stände und was an ihnen feilgeboten wird. Richtig gute Mittelaltermärkte zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass dort eben nicht nur mittelalterlicher Kartoffelkuchen (wer den Fehler findet, darf ihn behalten oder einen kommentar schreiben), Pannesamt-Arwen-Kleidchen oder Kinder-Holzschwerter feilgeboten werden, sondern auch liebevoll handgemachte Sachen, die auch Leute aus dem echten Mittelalter vermutlich hatten und vermutlich hätten gebrauchen können. Nix übrigens gegen Kinder-Holzschwerter. Irgendwie muss man ja anfangen.

Nachdem an unserem ersten Pfingsttag in Satzvey ein heftiger Platzregen niederging, wurde es übrigens noch schöner, weil dann das Getümmel sich deutlich gelichtet hatte und nur noch vorhanden waren: 1) nasse Stände nebst HändlerInnen, 2) nasse Mittelalter- und Fantasy-DarstellerInnen, und 3) echt motivierte sonstige BesucherInnen. Der Entschluss verfestigte sich und wurde ein gemeinsamer:

Wir machen auch so was!

Aber was, um Himmels willen, ist „so was“?

In dem Wort „Reenactor“ oder für mich „Reenactress“ steckt „enact“ = darstellen, aber auch „actress“ = Darstellerin, Schauspielerin, außerdem „re“ = wieder, noch mal. (Auf Neudeutsch also: Play it again, Sam…..)

Das heißt: Es wird etwas dargestellt, was wirklich schon mal da war. Naja, das mit dem „wirklich“ ist schon das Grundproblem des Reenactens, da unser Wissen über vergangene Zeiten halt nur lückenhaft ist und die Frage, wie diese Lücken gefüllt werden (und wieviel dabei improvisiert, geschummelt und pauschal rückgeschlossen werden darf), gehört zu den Hauptbeschäftigungen der Reenactor-Community. Abgrenzbar ist das Reenactment damit jedenfalls von „reiner“ Fantasy, also vom Darstellen zum Beispiel von Tolkien- oder anderen Film- oder Romanfiguren. Was sicher auch Spaß macht, wenn es mit den richtigen Kumpels betrieben wird.

Reenactors/actresses haben also zwei hervorstechende Eigenschaften: 1) Re: Sie haben Interesse an tatsächlich geschehener Geschichte und Liebe zum Detail, die manchmal leichte Einschläge zum Besserwissern aufweist;
2) Enact: Sie haben Spaß am Verkleiden und am Darstellen und notfalls den Mut, auch Unverständnis und Lächerlichkeiten (zumindest vorübergehend) auszuhalten.

Nach diesem ausführlichen Umweg nun wieder zu mir:

Wer bin ich, und in was für einer Welt lebe ich eigentlich?

Relativ früh in ihrer Karriere muss sich die Reenactress für eine einigermaßen eingrenzbare Epoche entscheiden, möglichst, bevor sie umfangreiche Anschaffungen tätigt (hoffentlich kann das eine oder andere hübsche, aber leider 300 Jahre „zu junge“ Schmuckstück auf einem späteren Markt noch weiterveräußert werden). Was nämlich absolut nicht geht, ist eine Reenactress in einem Outfit aus dem, sagen wir, 13. Jahrhundert mit einer hübschen Ringfibel aus dem 9. Jahrhundert und einem altägyptischen Amulett um den Hals. Es muss eine einigermaßen glaubwürdige Darstellung sein, und Behauptungen wie „hat mein Urururururgroßvater, der Sklave in Rom war, von einem phönizischen Händler, der gute Beziehungen nach China hatte“ sind in Reenactress-Kreisen gar nicht gern gesehen. Hebt man sich besser für die nächste Midgard-Runde auf, da ist das nämlich erlaubt. Möglicherweise darf man da sogar Dinge haben, die auf einer Zeitreise rückwärts gebeamt wurden?

Zur Wahl des richtigen Jahrhunderts sind folgende grundsätzlichen Erwägungen anzustellen:

  • Gefällt mir die Zeit, die Art wie die Leute lebten und vor allem sich anzogen, grundsätzlich?
  • Gibt es noch genug andere Leute, die auch diese Zeit darstellen?
  • Was für Beschäftigungen/Berufe kommen in dieser Epoche in Betracht? Finde ich dafür auch Mitstreiter (siehe oben)?

Mir persönlich zum Beispiel wären erst mal zwei Epochen sympathisch gewesen, aus dem einfachen Grund, weil zu diesen Zeiten in der Gegend, aus der ich stamme, ordentlich was los war und ich mich deshalb in ihnen irgendwie „zu Hause“ fühlte, nämlich die Alamannen (Völkerwanderungszeit) und die Bauernkriege / Reformationszeit (Spätmittelalter/frühe Neuzeit). Leider sind sowohl die Alamannen- als auch die Bauernkriege-Reenactment-Gruppen eher dünne gesät. Und alleine macht es keinen Spaß. Wenn ich zum Beispiel über einen Markt wandele und die absolut perfekte Alamannin darstelle, aber keineR das erkennt und alle mich für ein Fantasy-Fake halten, dann dürfte das nur kurze Zeit wirklich Spaß machen.
Klamottenmäßig ist zu bedenken, dass es z. B. der Gesundheit eher abträglich sein dürfte, die Kleidung der archaischen Griechen bei normaler mittel- bis nordeuropäischer Witterung spazierenzutragen. Hoch- und Spätmittelalter sowie Renaissance haben bei der Frauenkleidung einige Handicaps wie z. B schleppende Rocksäume … das will alles bedacht sein.
Was anhand der genannten Kriterien auf keinen Fall in Frage kam, waren Darstellungen, die sich ausschließlich auf bewaffnete Haufen im weiteren Sinne beziehen, so dass als Rolle für eine Frau a) Regimentsköchin und b) Regimentsnutte (sorry, ist aber wahr) in Frage kommt. Damit scheiden von vorneherein weitgehend aus: Römische Legionen, Templerorden, napoleonische Truppen (erinnert mich bei Gelegenheit, mal was zum Stichwort Großbeeren zu schreiben) und amerikanischer Bürgerkrieg.

So blieb ich zurückgeworfen auf die existenzielle Frage:

Wer bin ich und wer will ich sein?

Wie alles anfing, Teil 1

Ja, also Borre behauptet ja, es fing in Satzvey an… aber ich bin der Meinung, es begann alles schon viel früher.
Borre und ich waren schon immer heftig an allem interessiert, was alt und kaputt ist, was vor allem hinsichtlich unserer Urlaubsgestaltung bei vielen Mitmenschen auf komplettes Unverständnis stieß (Auf Kreta gewesen? Klasse! In zwei Wochen kein einziges Mal im Meer gebadet?! Nur über staubige Trümmer geklettert? Habt Ihr sie noch alle?) Traditionell, wie auch dieses Beispiel zeigt, mussten die alten und kaputten Objekte, ob im Museum oder im Freiland, dann doch mindestens 2000 Jahre alt sein, lieber noch älter, also zum Beispiel ganz archaische Griechen oder Mykener oder so. Ein paar Jahre weniger als 2000 ging auch noch, immerhin mussten ja die von Römern gegründeten Städte in Deutschland und Umgebung auch noch einbezogen werden.

Ich erinnere mich an eine Sendung im Fernsehen, vor der ich atemlos klebte: dort erfuhr ich zum ersten Mal von experimenteller Archäologie. Die zeigten da, wie man versuchte, ein römisches gladius (Leginärsschwert) nachzuschmieden, und zwar nur mit den Mitteln und Materialien, die man damals hatte. Ich war schwer beeindruckt, zumal die Quintessenz war, dass man zur Herstellung eines solchen Teils mehrere Wochen brauchte, aber dass es dann dank Damaszierung und tausendmal umschmieden super elastisch war. – Irgendwie stellte ich es mir großartig vor, Wissenschaft auf diese experimentelle Art zu betreiben.

Jahre später sah ich dann ebenfalls im Fernsehen einen Beitrag über Reenactment, Living History und was es da so alles gibt. Von römischen Legionen, die aus irgendwelchen Karnevalsaktionen im Rheinland hervorgegangen waren, aber mittlerweile richtig ernsthaft versuchten, das damalige Leben nachzubilden, bis zu Leuten, die sich in mehrmonatigen masochistischen Aktionen in viktorianische englische Häuser oder in Schwarzwaldbauernhöfe einsperren ließen und versuchten, mit den technischen und materiellen Mitteln von 1900 zu überleben.
Da keimte in mir schon der Entschluss, auch mal so was zu machen, allerdings war ich noch nicht so sicher, was eigentlich, denn ich hatte weder Lust, Niedergermanien auf caligae zu durchqueren noch, eingezwängt in ein Fischbeinkorsett den Boden mit Pottasche zu schrubben. Ich erzählte Borre von den Reenactors, der aber war damals noch in der archaischen Phase (siehe oben).

Lunula beginnt ein Weblog

Guten Tag,
dies ist der Beginn eines wunderbaren Weblogs. Eifrige LeserInnen von Weblogs kennen mich schon: ich bin die F. aus dem Blog von borre . Im Wirklichen Leben heiße ich natürlich nicht F., und im Wahren Leben auch nicht.

Was bedeutet Lunula?
Wörtlich einfach „kleiner Mond“. Es handelt sich um typische Anhänger aus dem slawischen Raum, Frühmittelalter natürlich, was denn sonst. Was sie bedeuten? Tja, also, vermutlich hatte es was mit Religion zu tun, aber genau weiß frau das nicht.

Klarstellung:
Ich werde mich auf dieser Seite ausdrücklich nicht von irgendwelchen Esoterikerinnen distanzieren, die an die Große Göttin glauben und in jedem Mondsymbol ein Zeichen der weiblichen Kraft sehen. Jene dürften allerdings in meinem Blog nicht allzu viel Interessantes finden.

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