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So, jetzt zeig ich sie…

…meine neue Tonwirtelspindel. Die hab ich bei Frau Ignorat gegen eine Nadelbindenadel getauscht. Ist sie nicht schööön?

Hm, ich hab ja schon eine andere Tonwirtelspindel. Und es ist gut, welche zu haben, weil diese Form von der Antike bis zum Hochmittelalter sehr gebräuchlich war und die von mir sonst sehr geschätzten Kopf(Hochwirtel)- und Kreuzspindeln nun mal leider nicht historisch belegt sind, ich also nur zu Hause damit spinnen darf…
Bis jetzt war ich ja immer der Meinung gewesen, dass ich mit Tonwirtelspindeln nicht gut spinnen kann. Aber siehe da: man muss sie nur ein bisschen anders handhaben als die anderen und dann läuft es auch gut – und die „Neue“ kann wunderschön dünn spinnen. Dabei hatte ich in Homberg nur die Wolle dabei, die ich eigentlich gar nicht so gerne mag.

Ähm. Also um ehrlich zu sein: in diesen glücklichen, ausgeglichenen, zufriedenen Zustand geriet ich erst, nachdem ich meine Umgebung mindestens eine Stunde lang mit lästerlichen Flüchen unterhalten hatte, weil das Ding erst mal gar nicht so wollte wie ich. Inzwischen sind wir aber Freunde geworden.

Hundekarde

Vorgeschichte:
In Homberg auf dem Nadelbindertreffen, auf dem mir auch das Handspinnen gezeigt wurde, erklärten mir die Spinnspezialistinnen auch gleich das Kardieren.
Beim Kardieren werden Wollfasern in eine Richtung gebürstet, damit sie dann schön parallel liegen und anschließend gut zu verspinnensind. Handkarden (sehen ungefähr so aus wie Tischtennisschläger mit Metallstiften drauf) kosten 20 Euro aufwärts, Kardiermaschinen sind ganz furchtbar teuer. Aber ich bekam den guten Tipp, es erst einmal mit Hundebürsten, Preisklasse 5 Euro, zu versuchen.

Jetzt kommt die Geschichte:
Berlin, Zoohandlung im Karstadt Hermannplatz, an einem Dienstag im April.
Lunula sucht sich zwei schöne große Hundebürsten aus (5,99 das Stück) und geht damit zur Kasse.
Die freundliche Dame an der Kasse blickt auf die Bürsten und sagt: „Wir haben da jetzt übrigens ein tolles Angebot, ein Pflegeset mit Bürsten, Shampoo und Massagehandschuh für Ihren Hund.“
Lunula: „Danke, ich habe aber gar keinen Hund.“
Verkäuferin (Blick auf Hundebürsten): „???“
Lunula: „Ich nehme die Bürsten zum Wollekämmen. Das braucht man zum Spinnen. Damit kann ich mir meine eigene Strickwolle machen.“
Verkäuferin (verwirrt, aber immer noch sehr freundlich): „Ach, das ist ja interessant…“

(Anmerkung: Wolle kämmen ist eigentlich noch komplizierter als Kardieren, dazu vielleicht ein andermal. Ich wollte die arme Frau nur nicht zusätzlich mit Ausdrücken wie „kardieren“ oder „nadelbinden“ belasten…)

Jetzt spinnt Lunula aber!

So kommt das eine zum andern: Irgendwann kommt die nadelbindende Reenactress zu der Erkenntnis, dass die Wolle, die fertig versponnen zu kaufen ist, oft nicht ihren Bedürfnissen entspricht – und da tut sich die Notwendigkeit auf, auch mal eine Handspindel anzufassen und das Spinnen zu lernen.

Eine hübsche Handspindel hatte ich ja schon auf dem Markt in Chorin erworben. Sie sieht so aus:

Hier ist ein Bild von dem Stand in Chorin, wo es sie zu kaufen gab – und die Verkäuferin wendet sie gerade an:

Die Spindel ließ sich auf dem Markt ganz leicht bedienen – leider taten sich dann zu Hause Probleme auf. Zum Glück wurde mein Hilferuf erhört, und auf dem Nadelbindertreffen gab es nicht nur Unterstützung, nein, andere Nadelbinderinnen hatten ähnliche Bedürfnisse, und so wurden eifrig Spindeln gebaut und Spinnen gezeigt und geübt.
Hier ist meine allererste selbstgebastelte Spindel *stolzbin*. Sie ist ganz aus Holz, der Wirtel ist aus einem Kezenhalter-Rohling:

Ja, und die folgende Spindel wurde auch in Homberg gebaut, ist auch prima zum Spinnen geeignet (gute Rotationseigenschaften!), aber auf Mittelaltermärkten vielleicht doch nicht zu gebrauchen:

Laut meinen Informantinnen sind kopflastige Spinden (top whorl) wie die in Chorin erworbene auch nicht ganz „a“, zumindest gibt es für Mittel- und Nordeuropa nur Nachweise von Tiefspindeln (bottom whorl).

Ganz lieben Dank an Frau Spinntantchen und Frau Ignorat, denen ich dieses Wissen und meine neuen Spindeln (und noch mehr, davon später) zu verdanken habe!

Nachtrag: Aufmerksame Beobachter sehen, dass das gesponnene Garn seehr unregelmäßig ist – bei Frau Flinkhand heißt so was „schwangere Regenwürmer“ – aber mir wurde glaubhaft versichert, nach dem ersten Kilo Wolle würde es besser. Na dann mal ran.