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Neue Ausstellung: Steppenkrieger

Heute beginnt im Rheinischen Landesmuseum Bonn die Ausstellung

„Steppenkrieger – Reiternomaden des 7. bis 14. Jahrhunderts in der Mongolei“
Sie soll bis zum 29. April dauern.

Ich war gestern bei der Eröffnung und konnte – trotz des höllischen Gedränges – einen kleinen Blick auf die Exponate werfen.

Was gibt es zu sehen?

Funde aus der Mongolei, die in den Werkstätten des Bonner Museums restauriert wurden. Absolut spektakuläre Funde, die noch nirgendwo anders zu sehen waren.
Es gibt hauptsächlich die Exponate und wenig „Drumrum“, was ich als einenVorzug der Ausstellung empfinde.
Zu sehen sind – kurz zusammengefasst – die Bereiche:

  • Reiterei – vor allem mehrere Sättel,
  • Pfeil, Bogen, Köcher – hier gibt es wirklich viel zu sehen,
  • andere Bewaffnung, insb. zum Thema Lamellenpanzer,
  • Musikinstrumente – mehrere mittelalterliche Saiteninstrumente,
  • Textilien – Teile von Kaftanen mit Seide und Kaschmir,
  • bildliche Darstellungen mongolischer Reiter aus persischen Handschriften.

Außerdem ist dort eine schicke Jurte aus Wollfilz aufgebaut (dadurch riecht es heftig nach Schaf, was ich persönlich gerne mag…)

Bei der Eröffnung wurde viel auf den Einfluss verschiedener „Reitervölker“ auf die europäische Geschichte von der Spätantike bis ins 14. Jahrhundert verwiesen; so weit ich das sehen konnte, spiegelt sich dies nicht in den Ausstellung, es scheinen keine Funde aus Europa dagegengestellt zu sein. Das Thema wird aber wohl umfangreich in Katalog, Begleitpublikationen und Vortreägen behandelt werden (leider scheint das Begleitprogramm noch nicht online zu sein).

(Für wen) Lohnt sich die Ausstellung?

Für den Darsteller europäischer Geschichte und Sachkultur ist natürlich nichts unmittelbar Verwertbares dabei. Die Ausstellung ist räumlich recht überschaubar und konzentriert sich wirklich auf die Exponate. Diese sind aber wirklich sehr schön.
Die Ausstellung dürfte ein Muss für alle Fans des historischen Bogenschießens sein. Auch Freunde von historischer Reiterei und von historischen Musikinstrumenten sollten sich das ansehen. Und für Menschen, die sich für die von „Reitervölkern“ im genannten Zeitraum beeinflussten Regionen interessieren (von den Awaren bis zu Dschingis Khan) können sicher interessante Anregungen mitnehmen.

Positiv möchte ich noch die ausführliche und gut leserliche Beschriftung der Exponate hervorheben. Der Katalog gefiel mir beim ersten Durchblättern gut, die Abbildungen der Exponate sind von guter Qualität.

Und Bonn ist ja eh einen Ausflug wert….

Edit: Jetzt hat das Museum eine Themenwebsite und einen Flyer mit dem Begleitprogramm online.

Bilder im Kopf

Wenn man ein Buch liest, hat man eine bestimmte Vorstellung, wie das Beschriebene ausgesehen hat. Optische Eindrücke von außen scheinen aber stärker als die eigenen Bilder zu sein. Seit der Jackson-Verfilmung vom Herrn der Ringe sind die Bilder dieses Films in den Köpfen der Tolkien-Leser und prägen die Vorstellung auch vom Buch.
Und das funktioniert bei guten wie bei schlechten Bebilderungen.

Ein Teil dessen, was die, nennen wir sie belegorientierte Fraktion der Markt-Fraktion immer vorwirft, ist, dass sie beim Besucher ein falsches Bild „so war es im Mittelalter“ nicht nur nebenbei, sondern teilweise bewusst und gewollt erzeugen.

Aber auch für die belegorientierte Fraktion ist das mit den Bildern im Kopf ein Problem.
Wenn ich mich z. B. mit einer Wikinger-Hängerock-Klamotte in ein Museum stelle, erkläre ich Besuchern sehr gern, auf welcher Basis dieses Kleidungsstück entstanden ist: dass man die Form aus einigen kleinen Fragmenten und einigen sehr schematischen Abbildungen rekonstruiert und dass es nur eine von mehreren möglichen Versionen ist.
Aber ich denke, selbst wenn der Besucher aufmerksam zuhört, wird das Bild stärker sein als die Erklärung, und die Vorstellung „so sah eine wikingerin aus“ in seinem Kopf hängen bleiben.

Eine Lösung dieses Dilemmas? Habe ich auch nicht, und ich denke, es ist keine Antwort, auf Rekonstruktionen komplett zu verzichten oder andererseits sich irgendwas zusammenzubasteln nach dem Motto „man weiß es ja eh nicht genau, also kann ich machen, was ich will“…. Auf jeden Fall lohnt es, mal über die Problematik nachzudenken…

Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation

Heute bin ich ziemlich spontan nach Magdeburg gefahren, um mir Mittelalter im Museum anzuschauen. Es gibt nämlich gerade diese Ausstellung, und zwar in zwei Teilen: das Reich zwischen 962 und 1494 – also sozusagen das Mittelalter – in Magdeburg, 1495 bis 1806 in Berlin.

Um es gleich zu sagen: Die Ausstellung lohnt die Anreise, mir hat sie gefallen. Da einige meiner MIttelalterfreunde (Früh-/Hoch-/Spät-) da auch noch hin wollen, fahr ich vielleicht auch noch mal hin.

Die Ausstellung ist sehr stark wörtlich auf den Titel fokussiert, d. h. es geht wirklich fast ausschließlich darum, was am deutschen Reich heilig, römisch oder deutsch war, wie sich verschiedene Herrscherhäuser auf bestimmte Traditionen bezogen haben. Diese Themen werden gut und vertieft dargestellt, vor allem anhand großer Mengen von illuminierten Handschriften und Urkunden – diese machen den allergrößten Teil der Exponate aus – und Texttafeln. Andere Themen, wie Alltagsleben, Sachkultur, Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, kommen fast überhaupt nicht vor (allerdings zum Teil in den Begleitbänden). Man kann natürlich die großartige Ornamentik einer frühmittelalterlichen Elfenbeinschnitzerei bewundern, aber in der Ausstellung steht sie hauptsächlich, weil die geschnitzte Szene etwas über das Verhältnis eines Kaisers zur Kirche aussagt…
Die Exponate, nicht nur die Handschriften, sind allesamt vom Feinsten und viele davon hätten schon ganz alleine den (ohnehin fairen) Eintrittspreis gelohnt. Allerdings hat mich ein wenig überrascht (aber durchaus nicht enttäuscht), dass bei der Thematik nicht noch viel mehr Kronen, Zepter, Schwerter etc. ausgestellt wurden. Davon gibt es schon welche, aber nicht viel. A propos Schwerter: Für die Jungs ist auch nicht viel dabei, nur in der Spämi-Abteilung gibt es eine komplette Plattenrüstung von Kaiser Maximilian – das habe ich ein bisschen bedauert, weil damit der gewöhnliche Besucher wieder mal meint, die Leute wären während des ganzen Mittelalters in solchen Rüstungen rumgelaufen….

So, jetzt kommen die beiden größten Minuspunkte der Ausstellung: Erstens: Sie ist voll. Wer sich das zeitlich leisten kann, sollte nicht gerade sonntags hingehen, und wer in Menschenmengen Panikattacken kriegt, sollte draußen bleiben (und vielleicht den Katalog kaufen). Und leider „knubbelt“ es sich vor allem am Anfang der Ausstellung, also grade im 10. Jahrhundert, später verläuft es sich etwas.
Zweitens: Es ist ziemlich dunkel. Ich kann das ja angesichts der sehr wertvollen und empfindlichen Bücher und Textilien verstehen, aber wenigstens die erklärende Beschilderung hätte man etwas besser anleuchten können – Menschen, die nicht so schlecht sehen wie ich, dürften mit der Beschilderung aber vermutlich klarkomen. (Fotografieren ist übrigens sowieso streng verboten.)

Jetzt aber wieder zu den positiven Punkten: Trotz des Andrangs und der abgeschotteten Räume ist die Luft erstaunlich angenehm. Das ganze Gebäude ist stimmig für die Ausstellung. Die Exponate sind gut präsentiert, man kann um die meisten herumgehen und sie von allen Seiten betrachten. Nur der Codex Manesse, eines der Highlights, liegt ein bisschen zu hoch, so dass ich als kleiner Mensch auf die Zehenspitzen steigen musste, um was zu sehen – bei den meisten Sachen geht das aber bzw. ist eher Kniebeuge gefragt, wenn in der unteren Etage der Vitrine noch was Spannendes liegt…
(Weil das sicher einige Leser interessiert: Der Codex Manesse ist auf der Seite mit der Abbildung von Kaiser Heinrich aufgeschlagen, die auch auf dem Plakat ist; andere Abbildungen sind nicht zu sehen.)
Noch ein großes Lob an die Ausstellungsmacher: Die Ausstellung ist einfach chonologisch aufgebaut, es gibt also keinen modischen Schnickschnack wie „Themeninseln“ (*grmbl*), man ließ die Exponate für sich selbst sprechen und drängt dem Betrachter nicht gewaltsam irgendwelche Bezüge auf. Ist ja heute nicht selbstverständlich.

Es gibt auch einen Audioguide und ein bisschen Multimedia, wie ein Manesse-Hörspiel und ein MDR-Filmchen. Die Audio-Sachen habe ich nicht gehört, das Filmchen ist ganz nett (angesichts des Zeugs, was aus dem Hause MDR auch schon kam, ist es sogar gut, abgesehen von ein paar hässlichen Theaterfundus-Klamotten… aber im größten Teil des Films geht es um die Ausstellung, richtige kostümierte Spielszenen sind zum Glück nciht dabei, nur so ein paar angebliche Kaiser mit Theaternebel…)

Meine persönlcihen Highlights sind übrigens eine Alba (lange weiße Übertunika) von Kaiser Friedrich Barbarossa mit Goldbrokatborten und der Krönungsmantel von Otto IV. aus Seidensamit mit Goldstickerei, jaja, ich weiß, ich bin ein Mädchen und Textilfreak… und beides aus dem Hochmittelalter *grübel* …

Ja, und dann musste ich natürlich noch die offiziellen Kataloge kaufen und noch ein paar weitere Kleinigkeiten (Magdeburg ist Ottonenstadt, d. h. es gibt noch einiges an spannenden Büchern zum 10. Jahrhundert dort zu erwerben…). Leider entsprach das Gewicht meines Rucksacks hinterher ungefähr meinem eigenen *stöhn*, und das führte dazu, dass mein anschließender Besuch im Magdeburger Dom etwas „niedergedrückt“ und daher kurz war – ich will aber nicht versäumen, bekanntzugeben, dass dort im Dom, nicht weit vom Museum, sozusagen als Ergänzung, gerade eine Ausstellung mit Taufbecken aus 1000 Jahren gezeigt wird, zum Teil sehr bizarre Gebilde und auch sehr schöne aus dem MIttelalter.

Neue Rubrik

Dieser Beitrag eröffnet übrigens eine neue Rubrik, die ich schon sehr lange plane, weil ich gerne etwas über die Präsentation von Geschichte und Mittelalter in Museen und Ausstellungen schreiben will, vor allem, weil ich mich über einige davon maßlos aufgeregt habe. Aber jetzt ist der erste Eintrag erst mal positiv geworden. Ist doch auch was.