Archiv der Kategorie: Anspruch – Aufbruch – Schiffbruch

Gründe

Den folgenden Text habe ich auf Facebook am 19. Februar 2017 gepostet – ich kopiere ihn hierher, damit er nicht im allgemeinen Timeline-Müll spurlos untergeht.

1.
Gründe, warum man auf FB ein Posting oder einen Kommentar löscht oder offline stellt:
a. Man hat auf eine Frage in einer Fachthemen-Gruppe eine brauchbare Antwort erhalten und möchte nicht, dass auch noch jemand anderes davon profitiert.
b. Man ist verärgert, weil andere auf ein Posting nicht so reagiert haben, wie man es sich gewünscht hat.
c. Man findet, eine Diskussion ist komplett entgleist und möchte sich oder auch andere davor schützen, verletzt zu werden.
d. Man stellt fest, dass das eigene Postiing falsch verstanden werden könnte / falsch verstanden worden ist und dass Erklärungsversuche nur zu weiterer Eskalation führen.
e. Man möchte niemanden verletzen.
f. Man stellt fest, dass es doch keine so gute Idee war, bestimmte Dinge öffentlich zu diskutieren, die andere in den falschen Hals bekommen könnten.
g. …. usw.
——-
2.
Gründe, warum man auf FB jemand anderen für das Löschen eines Postings oder eines Kommentars kritisieren sollte:
a. Punkt 1a. ist in Fachgruppen extrem unerwünscht und wird daher in solchen Gruppen von Admins zu Recht geahndet.
———
3.
Gründe, warum man auf FB jemand anderen für das Löschen eines Postings oder eines Kommentars NICHT kritisieren sollte:
a. Wenn man keine Ahnung hat, welches von den Motiven 1b-n dem Löschen zugrunde lag.
b. Wenn man gar nicht mitbekommen hat, was der andere überhaupt geschrieben hatte und was Dritte darauf geantwortet haben.
c. Wenn man selbst aus den Motiven 1b-n schon einmal oder häufiger Postings oder Kommentare gelöscht hat.

 

Warum nicht eine litauische Bauernhochzeit?

Der Grund, warum Blogs vereinsamen, ist natürlcih unter anderem Fähsbuck. Da geht alles viel schneller, und es lesen gleich ganz viel Leute, und man kriegt Likes (schade, dass das beim Blog nicht so einfach geht…). Aber! dafür gehen die ganzen schlauen Gedanken auch schneller wieder verschütt.

Deshalb kopiere ich hier mal einen längeren Text, den ich vor einem knappen Jahr dort geschrieben habe, um ihn der Nachwelt zu erhalten und weil er auch so schön in dieses Blog passt:

Die eigentlich logische Reihenfolge, wenn man Klamotten von Leuten aus vergangenen Zeiten nacharbeiten möchte, wäre diese:

  • Okay, ich will was mit Wikingern machen. Hm, vielleicht Schweden, da scheint es Funde zu geben.
  • Schau ich mir mal die Ausgrabungen von Birka an.
  • An, es gibt verschiedene Funde von Textilresten an Gewandfibeln. Gut, dann weiß ich schon einiges: Wie die Fibeln aussahen, was es für Webbindungen gab, vielleicht auch noch Farbreste und wie man sich vorstellen kann, dass die Kleidung genäht oder zusammengefibelt war.
  • Gab es darüber hinaus noch Verzierungen an der Kleidung? Aha, ich finde Brettchenborten bzw. das was davon übrig ist, nämlcih metallene Broschierungen. Außerdem gibt es auch Funde von metallenen Posamenten.
  • Dann näh ich mir jetzt mal Kleidung und … hm… schaue mal, ob es schwierig ist, zur Verzierung so ein Brettchenband oder ein Posament nachzuarbeiten.

Eine andere mögliche Reihenfolge wäre:

  • Ich würde gerne Kleidung einer historischen Epoche rekonstruieren. Was könnte ich machen?
  • Hm, ich hab schon Brettchenweben probiert, aber das ist echt schwierig. Dafür kann ich supergut sticken.
  • In welchen Epochen hat man denn Kleidung mit großformatigen flächigen Stickereien verziert? Ich schau mal bei den Wikingern.
  • Oh, da gibt es ja praktisch keine Funde für Stickereien, schon gar nicht flächig und auf Kleidung. Hm. Dann sollte ich mir wohl eine andere Epoche suchen, um meinen Stickfimmel auszuleben. Barock vielleicht? Mal schauen, da gibt es ja viel mehr erhaltene Textilien….

Wie alle wissen, ist der in den Gruppen oft zu beobachtende Weg ein anderer:

  • Ich möchte eine Wikingerin darstellen und nähe mir eine Wikingerklamotte.
  • Ich möchte gerne sticken und frage deshalb nach Vorlagen für wikingerzeitliche Stickereien. Wenn ich dazu Antworten bekomme wie „gab es praktisch nicht“ reagiere ich verstimmt.

Das Problem ist leider, dass an solchen Dingen sehr viel Selbstverwirklichung (gar nicht böse gemeint) dranhängt und der Ton deshalb schnell emotional wird. Und das weitere Problem ist, dass es daher viel Sensibilität braucht, um unangenehme Nachrichten zu überbringen. In der Zeit, die es braucht, um Person A davon zu überzeugen, dass sie nicht ihren Stickrahmen wegschmeißen, sondern ihre Herangehensweise überdenken sollte, haben leider Person B bis D schon die nächste Stickfrage gestellt. Wofür weder Person A noch B bis D was können. Die arme Person, die die Frage beantwortet, blickt aber auf die sich vertiefenden Bissspuren in ihrer Tischkante und hat das Gefühl, nur von Idioten umgeben zu sein, was ihren Ton möglicherweise immer unwirscher werden lässt.

Die Struktur von FB-Gruppen ist halt leider so, dass man anders als in einem Forum viel schlechter auf bereits beantwortete Fragen verweisen kann bzw. dass man nicht voraussetzen kann, dass diese für Fragerin D sichtbar angezeigt werden und sie es deshalb besser wissen müsste.

Neulich kam eine Diskussion auf mit Mädels, die das Kammweben kennengelernt hatten und die netten geometrischen Muster, die man damit machen kann (und historisch auch gemacht hat, vor allem in der osteuropäischen Folklore), toll fanden. Sie waren ganz begeistert und wollten solche Bänder unbedingt für ihre Wikingerklamotte machen. Erschwerend kam hinzu, dass irgendein Händler in einem als „authentisch“ im Sinne von glaubwürdig angesehenen Wikinger-Freilichtmuseumsgelände Webkämme verkauft hatte. Da fragte ich mich: Warum sucht ihr nicht nach den historischen Vorbildern für die schicken Bänder und rekonstruiert einfach eine litauische Bauernhochzeit des 19. Jahrhunderts?

Bürgerkrieg

Es geht hier nicht um eine historische Epoche. Nein, ich möchte mal etwas loswerden, was mich schon seit mindestens anderthalb Jahren umtreibt. Im Jahr 2008 hat es zu einigen sehr unschönen Erlebnissen in meiner eigenen Hobbyausübung geführt. Das Jahr 2009 war zum Glück ruhiger. Aber das Problem bleibt.

Ich schreibe diesen Text nicht auf Grund irgendwelcher gerade aktueller Ereignisse. Irgendwas ist ja eigentlich immer….

Den Begriff „Bürgerkrieg“ wähle ich, weil ich damit eine Situation beschreibe, bei der im gleichen „Land“ mehrere Parteien erbittert gegeneinander kämpfen. Manchmal weiß man nicht einmal, wann und warum es angefangen hat. Vermutlich haben beide Parteien davon auch unterschiedliche Versionen. Jedenfalls kann es dazu führen, dass Menschen, die eigentlich etwas gemeinsam haben und manchmal auch Freunde sind, sich plötzlich auf verschiedenen Seiten der Barrikade wiederfinden. Dass einem Entscheidungen für oder gegen eine Partei aufgenötigt werden. Dass es fast unmöglich ist, sich aus allem rauszuhalten, wenn man überhaupt mit Menschen zu tun hat, die irgendwie involviert sind.

Das Gespenstische ist, im Jahre 2008 bin ich gleich zwischen mehrere solche Bürgerkriegsfronten geraten. Und diese verschiedenen Kriegsschauplätze lassen sich auch nicht auf einen einzigen Konflikt zurückführen, d. h. es laufen gleich mehrere Kriege parallel und weitgehend unabhängig voneinander.

Aber lasst uns mal versuchen, den Ablauf ein wenig zu abstrahieren:

Wir sind im Hobby Living History. Ich besuche Veranstaltungen, bekomme über irgendwen Kontakte zu Veranstaltern, mache bei Museumsbelebungen und dergleichen mit. Die anderen Mitwirkenden kenne ich unterschiedlich gut, aber alle scheinen erst mal ähnliche Vorstellungen und Ideen zu haben wie ich. Eigentlich alles prima.

Dann bekommt man anhand der einen oder anderen spitzen Bemerkung mit, dass Person A und Person B offenbar nicht besonders gut miteinander können, denkt sich aber immer noch nix Schlimmes. Ich meine, es ist ein Hobby, man muss gar nicht mit jedem gleich gut auskommen.

Meines Feindes Freund ist mein Feind

Und dann passiert es. Zum Beispiel hatte man zu einer bestimmten Frage, wie eine Veranstaltung zu konzipieren bzw. mit einem Veranstalter zu verhandeln sei, unterschiedliche Auffassungen. Person B tauschte sich auch mal ohne Person A einzubeziehen mit einzelnen oder mehreren Diskutanten per Mail aus. Das nächste was geschah, war, dass ein ganzer Schwung von Personen mit einer sehr fadenscheinigen Begründung aus einem bestimmten Forum geworfen wurde, was auch indirekt zur Folge hatte, dass ich zu der Veranstaltung, über die wir da diskutiert hatten, keinen Zugang mehr hatte.

Noch mal zusammengefasst: Person A meinte, ich gehörte zur „Kriegspartei“ von Person B und betrachtete mich daher offenbar als ihre Feindin.

Was übrigens damals in keiner Weise stimmte, und mit meiner Position in der damaligen Konzeptdiskussion hatte das auch wenig bis nichts zu tun. Der fast schon witzige Effekt ist nun natürlich der einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Mit Person B habe ich noch viel zu tun, mit Person A nicht mehr. Ich würde sie nicht als meine Feindin betrachten, aber mit jemandem, der sich mir gegenüber so unfreundlich verhält, möchte ich natürlich möglichst nicht mehr viel zu tun haben.

Eine andere Geschichte vom gleichen Kaliber, mit ganz anderen Personen, spielt sich mehr in Foren und Chats ab. Ich habe öfter mal den Eindruck, dass ich von der dortigen Person A immer mal wieder kritisiert bzw. angegriffen werde, nicht weil meine konkrete Äußerung ihren Missfallen erregt, sondern weil sie mich mit Person B in einem Boot wähnt und daher stets gewillt ist, alles was ich äußere, mit der Bürgerkriegsbrille zu betrachten.

Meines Feindes Feind ist mein Freund

Anders herum funktioniert das Ganze übrigens auch. Wenn Person B mit irgendeiner Person C verfeindet ist oder auch nur Differenzen mit C hat – z. B. mal deren Klamotten kritisiert hat -, dann scheint allein das schon ein Anlass dazu zu sein, dass Person A in Person C das Gute sucht und findet, da C als potentieller Verbündeter oder zumindest als Beweis für die Schlechtigkeit von Person B in Frage kommt.

In den vergangenen zwei Jahren hat es in der, ich nenne sie mal ganz pauschal Geschichtsvermittlerszene, mehrere hochinteressante Diskussionen gegeben, die zum Teil im Zusammenhang, zum Teil separat geführt wurden. Insbesondere ging es um Fragen der Konzeption von Museumsevents, deren Wissenschaftlichkeit bzw. überhaupt des zugrunde liegenden Wissenschaftsbegriffs sowie der Frage des Einflusses von Naziideologie auf einzelne Gruppen und die gesamte Szene. Leider war es an vielen Stellen kaum möglich, produktiv zu diskutieren, weil ganz offenbar zu viele Bürgerkriegsparteien involviert waren. Für Personen, die die ganzen Bürgerkriege nicht mitbekommen haben, ist es oftmals überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum in Foren oder Chats relativ harmlose Äußerungen mit heftigen Schimpfkanonaden beantwortet werden. Typisch ist auch, dass sich niemals offen auseinandergesetzt wird, es wird sich dann oft so ausgedrückt „wenn einige Leute meinen, jetzt mit dem Finger auf andere zeigen zu können, dann sollten sie mal….“

„There is no decent place to stand in a massacre …“ (Leonard Cohen)

Nachdem die jeweilige Person B sich klug verhält, nämlich ihre Auseinandersetzung schlicht nicht auf meinem Rücken austrägt, führt das Ganze natürlich dazu, dass ich zwangsläufig mehr mit Person B als mit Person A zu tun habe, dadurch natürlich mehr von ihrer Sicht der Dinge mitbekomme. Ganz abgesehen davon, dass es sich dabei ja auch um ein paar sehr nette Menschen handelt und man sich mit diesen gerne anfreundet.
Aber der Krieg ist nicht vorbei. Und ich merke, wie ich immer wütender werde. Ich bin eine diskussionsfreudige Frau, die gerne mal sagt, was sie denkt, und die (anders als andere in diesem Hobby, die ich durchaus verstehen kann) auch gern mal zu grundlegenden Diskussionen über konzeptionelle oder politische Aspekte unseres Hobbys meinen Senf beisteuere. Es ärgert mich maßlos, dass ich das an vielen Punkten nicht kann, um nicht noch tiefer in irgendwelche kriegerischen Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. Mir kribbeln die Finger, zu einem bestimmten Thema z. B. in einem Forum einen Beitrag zu schreiben, aber ich verzichte darauf, weil jemand anderes aus meinem Umkreis schon was geschrieben hat und ich befürchte, dass die „andere Seite“ eine Verschwörung oder eine Großoffensive ihrer Feinde wahrnimmt, wenn ich jetzt auch noch etwas dazu meine. Auch wenn das, was ich zu sagen hätte, vielleicht einen ganz anderen Aspekt betrifft als den, den mein Vorgänger wichtig fand.
Und noch mehr ärgert mich natürlich, dass es sich auch noch auf mein Privatleben auswirkt. Zum Beispiel wenn ich plane, wen ich zu einer Party einladen soll…

„What’s so civil about war anyway?“ (Guns ‚N Roses)

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text veröffentlichen soll. Ich habe es nun getan, und ich weiß, dass ich damit etwas riskiere. Ich riskiere, dass dieser Text als weitere Waffe in irgendeinem Bürgerkrieg genutzt wird, und ich riskiere, einige Freundschaften zu belasten. Beides will ich nicht.

Aber das hier, verdammt, ist mein Blog. Meine Party. Und ich musste das einfach mal irgendwo loswerden.
Ich habe diesen Text, das sei auch noch gesagt, ganz allein geschrieben, mit niemandem diskutiert oder abgesprochen, und ich bitte darum, dass allfällige Reaktionen das dann bitte auch berücksichtigen und andere Leute da mal raus lassen.

Vermittlung von Vergangenheit – Teil II: Modul Gesellschaft

So, nun die Fortsetzung hiervon

Um beim Ende anzufangen, ich habe durchaus Hemmungen, hier zu berichten, was im Modul Gesellschaft diskutiert wurde. Wir haben nämlich am Schluss einen gemeinsamen Text erarbeitet und abgestimmt, der, sobald er veröffentlicht ist, sozusagen das „offizielle“ Dokument dieses Moduls sein wird.

Da in den einschlägigen Foren jetzt schon zu sehen ist, dass die Berichte über die Tagung sehr genau gelesen werden und bei ungenauen Formulierungen oder bestimmten Reizwörtern die Emotionen sehr schnell hochkochen (das ist vielleicht ganz normal, zeigt es doch, mit welchem Engagement viele Leute dabei sind), habe ich jetzt die Befürchtung, dass eine Formulierung von mir hier zu Konflikten führt und das dann auf den Tagungs-Organisatoren runterkommt. Was ich unbedingt vermeiden will.

Also, Disclaimer: Der DASV ist der einzige, der Im Besitz des wirklich beschlossenen Ergebnisses ist. Und ich werde hier nur mal kurz aufzählen, welche Themen angesprochen wurden, und keine Ergebnisse bekannt geben.

Im Modul waren die beiden ReferentInnen Habsburg-Lothringen und Schuppener – leider nur bis Samstag Abend – anwesend, außerdem einige „Museumsleute“ und viele Archäologiestudenten. LH-ler waren nur drei dabei.

Themen:

  • Museen im politischen Kontext – Einflüsse durch Museumsförderung von Staat (auch EU) und Wirtschaft, Abhängigkeit von Besucherzahlenstatistiken
  • ein Museum kann nie „unpolitisch“ sein
  • Definition eines eigenen Profils durch die Museen selber, davon abhängig dann die Frage des Vermittlungskonzepts
  • Besondere Autorität von Museen – was im Museum gezeigt wird, wird vom Besucher als „wahr“ wahrgenommen
  • Rolle historischer Bilder bei der Stiftung von Identität – auch der Identität von LH-Gruppen
  • Probleme des Zeigens von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen am Originalfund und in der LH-Rekonstruktion
  • Verantwortung von Museen, gerade (aber nicht nur) beim Einsatz von LH vorhandene Klischees (z. B. vom heldenhaften, wilden Germanen) nicht auch noch zu verstärken

Hier noch ein persönlicher Eindruck: Ich glaube, dass „beide Seiten“ (wenn man denn nun zwei Seiten sehen will) noch sehr wenig voneinander wissen. Ich habe bei vielen Teilnehmenden eine große Offenheit und Neugier auf „uns“ LHler gespürt, das zeigte sich auch an Fragen in unserem Modul. Ich glaube, dass die ganze Bandbreite der Gruppen und Darsteller – von dem, wie sie sich selber sehen, und von dem, was sie einem Museum bieten können – , noch gar nicht so richtig bekannt ist.

Vermittlung von Vergangenheit – Teil I: Kurzbericht

Tagung “Vermittlung von Vergangenheit – Gelebte Geschichte als Dialog von Wissenschaft, Darstellung und Rezeption” vom 3.-5.07.2009 in Bonn im Rheinischen Landesmuseum

Da ich von einigen Leuten gebeten wurde, mal zu berichten, „wie es denn war“, versuche ich hier mal eine Übersicht über die Tagung. Einfach mal, um selbst nicht zu vergessen, worüber so geredet wurde.
Vorausschicken möchte ich, dass ich die Tagung insgesamt sehr gut fand und dass der DASV gar nicht genug gelobt werden kann für die Initiative, diese Tagung zu veranstalten, wie auch für die sehr gelungene Durchführung.

Hier kommt erst mal der Versuch, die „nackten“ Fakten zu berichten, in einem späteren Post werde ich dann (wenn ich dann noch die Kraft habe 😉 ) meine eigene Bewertung von mir geben.
Die Tagung war in vier „Module“ gegliedert: Wissenschaft – Darstellung – Qualität – Gesellschaft.
Von Freitag Mittag bis Samstag Mittag gab es Einführungsreferate vor allen TeilnehmerInnen (ca. 60-100, würde ich schätzen), Samstag Nachmittag und den halben Sonntag Vormittag diskutierte man dann in kleineren Gruppen nach Modulen aufgeteilt, danach wurden die Ergebnisse aus den Modulen noch einmal vor dem Plenum referiert. Im Anschluss Sonntag Mittag / Nachmittag konnten Darsteller noch etwas vorführen. Dabei gab es eine szenische Vorführung und mehrere Schautische mit Erläuterung.
Es begann am Freitag mit dem Modul Wissenschaft:

Dr. Antje Kluge-Pinsker, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz: “Wissenschaft für die Wissenschaftler – Action für’s gemeine Publikum? Optionen für ‘Lebendige Geschichte’ im Museum“

Frau Kluge-Pinsker erläuterte die verschiedenen Zielsetzungen, die das RGZM in seiner Geschichte hatte und berichtete von Schwerpunktverschiebungen zwischen dem Anspruch als wissenschaftliche Einrichtung einerseits und Einrichtung der Vermittlung von Wissen ans Publikum andererseits. Sie stellte verschiedene Möglichkeiten vor, dem Publikum die Vergangenheit aus Sicht eines Indoor-Museums nahezubringen. Dabei beschrieb sie mehrere innovative Ansätze, die eigentlich nicht so viel mit LH zu tun hatten, aber vielleicht mit dieser in Bezug zu setzen wären, wie z. B. museumspädagogische Aktionen, bei denen Kinder sich durch Nachbauen von Objekten in die Zeit einfühlen können (wobei die Objekte dann gar nicht aus historisch verwendeten Materialien sein müssten) oder seminar-artigen Aktionen, bei denen Besucher sich intensiver mit Exponaten und Themen beschäftigen und dann selbst dazu etwas erarbeiten und z. B. ihren Mitschülern präsentieren können. Auch der Einsatz von LH auf Museumsfesten / Museumsnächten etc. wurde – nicht ohne Nachdenklichkeit – angesprochen.

Dr. Gunter Schöbel, Pfahlbaumuseum Unteruhldingen: “Entstehung und Situation der archäologischen Freilichtmuseen in Europa”

Das folgende Referat setzte dem die Perspektive des Outdoor-Museums entgegen. Herr Schöbel erläuterte mit interessanten Bildern die Herkunft und Tradition von Freilichtmuseen. In diesem Zusammenhang kam zum ersten Mal die Problematik der Macht der Bilder zur Sprache: eine Rekonstruktion, wie sie im Freilichtmuseum wie im LH stattfindet, schafft Bilder, die beim Betrachter haften bleiben, und birgt damit auch die Gefahr, Klischees zu erzeugen und zu manipulieren. Wobei die Frage im Raum stand, ob das bei einem Exponat im Museum nicht auch (vielleicht in schwächerem Maße) der Fall ist.

Danach kam das Modul Darstellung.

Andreas Sturm, Rete Amicorum: “Quo vadis Living History? Von der Suche nach dem richtigen Umgang mit Geschichte als Erlebniswelt”
Herr Sturm referierte aus Sicht eines Anbieters über LH. Er befasste sich eigentlich nicht mit dem in seinem Titel angekndigten „richtigen Umgang“ oder mit aktuellen Diskussionen in der Darstellerszene über gute oder weniger gute Konzepte. Statt dessen versuchte er LH in Begriffe und Kategorien zu fassen, wobei er US-amerikanische Konzepte heranzog. Er stellte einen Anforderungskatalog für LH-Darstellung vor (der ebenso wie der Freiburger Katalog – dazu weiter unten – aus vier Hauptkriterien bestand und diesem sehr ähnelte). Dann ging er der Frage nach, warum LH eigentlich eine Wirkung auf Besucher hat, die stärker ist als traditionelle Präsentationsformen, und führte dazu Aspekte aus dem Bereich moderner Lernpsychologie (wie „Flow“) an. Da es zur Frage „wie wirkt LH konkret“ keine spezifischen Untersuchungen zu geben scheint, war das Ganze natürlich äußerst vorläufig, ließ sich aber ganz gut mit dem genannten Kriterienkatalog in Beziehung setzen.

Wulf Hein, Archaeotechnik: “Begreifbares Nacherleben von Vergangenheit. Archäotechnische Praxis im musealen Bereich”

Auch in diesem Modul boten die beiden Vorträge interessante Kontraste. Wulf Hein stellte sein Konzept als Archäotechniker vor, der in Museen die Bearbeitung prähistorischer Werkstoffe wie Feuerstein und Knochen vorführt, erklärt und „be-greifbar“ macht. Er nahm – auch hier etwas anders als im Titel seines Vortrags – zu aktuell diskutierten Fragen pointiert und gut verständlich Stellung, insbesondere zur Diskussion, ob eine Zertifizierung von LH sinnvoll und umsetzbar wäre und zur Diskussion, ob Hauptberuflichkeit wirklich zu besserer Darstellung führt. Auch sprach er noch einige Ärgernisse aus dem Alltag der Archäotechnik an, insbesondere wenn Personen vorgeben, Techniken zu beherrschen und zu erläutern, für die ihnen aber die Fähigkeiten oder der sonstige Background fehlen.

Das nächste Modul – Gesellschaft – passte auch noch mit einem Referat knapp in den Freitag hinein:
Dr. Bettina Habsburg-Lothringen, Museumsakademie Joanneum Graz: “Geschichtsmuseum und Gesellschaft. Zur Funktion einer Institution”
Frau Habsburg-Lothringen erläuterte auf hohem wissenschaftlichen Niveau und gut verständlich die historisch gewachsenen Funktionen von Museen z. B. als Medien nationaler Identitätsfindung durch den Anschluss an frühere Zeiten und „Völker“ und stellte verschiedene Überlegungen in den Raum, welche gesellschaftlichen Funktionen Museen heute haben bzw. haben müssten. Das Panorama war dabei sehr breit und eröffnete auch neue Blicke, z. B. auf das Museum als sozialräumliche Institution, das in einer Stadt oder einem Stadtteil die Menschen zusammenbringen und Diskussionen über soziale Entwicklungen in Gang bringen kann.

Danach hieß es den Ort wechseln, da der Abendvortrag und der anschließende Empfang im Akademischen Kunstmuseum stattfanden:

Dr. P. Rahemipour, DAI Berlin: „Zu Tradition, Absicht und Rezeption von ‘gelebter Geschichte’”

Die Referentin erläuterte die historische Entstehung und die Erscheinungsformen anschaulich gemachter Geschichte wie die Schaffung von Historiengemälden im Kontext historischer Museen, die Schaffung „lebender Bilder“, die Einrichtung historischer Pavillons in Weltausstellungen etc. Hier gab es einige Wiederholungen zum Vortrag von Herrn Dr. Schöbel. Besonders stellte sie die Darstellung des Neandertalers im Wandel der Zeiten vor, von einer Rekonstruktion als behaartes halb-tierisches Wesen zu einer unbehaarten Figur, und setzte dies in Bezug zum Topos des „Wilden Mannes“ in der europäischen Volkskunde.

Am Samstag Vormittag kam dann zunächst der zweite Vortrag des Moduls Gesellschaft:

Staatsanwältin N. Schulz, Staatsanwaltschaft Bonn: “Die strafbare Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gem. §86a StGb? und der Ausnahmetatbestand”

Frau Schulz stellte die rechtliche Situation insbesondere bei der Verwendung von Hakenkreuzen vor und arbeitete dabei sehr differenziert Aspekte heraus, die in der öffentlichen Diskussion – z. B. in Foren – oft nicht bekannt sind. Konkrete Fälle aus dem Bereich LH wurden vom BGH noch nicht entschieden, sie stellte jedoch die Rechtsprechung in vergleichbaren Gebieten (z. B. Antiquitätenhandel) vor.

Prof. Dr. Dr. G. Schuppener, Universität Leipzig: “Missbrauch von germanischen Mythen und Symbolen im aktuellen Rechtsextremismus“

Herr Prof. Schuppener erläuterte, welche Elemente „germanischer“ Mythologie für den Rechtsextremismus attraktiv und anschlussfähig sind und in welcher Form in der aktuellen rechtsextremen Szene darauf Bezug genommen wird. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass oftmals die Begriffe, deren historische Bedeutung und deren aktueller Bezug in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind, so dass sich bestimmte Gruppierungen auch unter solchen Begriffen und Symboliken tarnen, und erläuterte dies an Beispielen.

Als letztes Modul war die Qualität dran:
Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: “Geschichte dramatisch nachbessern?”
Herr Hochbruck leitet ja das Forschungsprojekt an der Uni Freiburg und stellte die Fragestellungen und ersten Ergebnisse vor. Dazu gehörten die oben schon erwähnten vier Grundkriterien (aus meinem Gedächtnis ganz grob: Fachwissen auf aktuellem Stand, Korrektheit der Ausrüstung, Vermittlungskonzept und schauspielerische Fähigkeiten) und einige Ansätze zur Schaffung einer Plattform, auf der sich die Beteiligten untereinander austauschen und Kriterien für Qualität im Einzelnen erarbeiten könnten.

Dr. Maren Siegmann, Museum in der „Alten Schule“ Efringen-Kirchen: “Qualität ist, wenn keiner eine Brille trägt !? Darstellung zwischen Wunsch und Wirklichkeit”

Frau Siegmann referierte sozusagen in einer Doppelrolle: zum Einen als Museumschefin und zum Anderen als Mitglied einer Frühmittelalter-LH-Gruppe. Sie erläuterte mit einer sehr vergnüglichen und verständlichen Präsentation die Interessen des Museums einerseits, der Darsteller andererseits und gab im Endeffekt praktische Tipps für Museen, die Darsteller engagieren wollen.

Damit war da anspruchsvolle Vortragsprogramm absolviert und man teilte sich in vier Gruppen auf, um die Module im Einzelnen zu diskutieren.
Ich war im Modul „Gesellschaft“, und wir schafften es, eine sehr stimmige Abschlusserklärung zu erarbeiten. Aber dazu demnächst mehr – von mir oder anderen.