Blindlings nach Brüssel

Ich habe im Laufe der Zeit mehrere Blogs angelegt. Das erste, das Lunula-Blog, um über die Geschichtsdarstellung zu berichten – aber da kaman auch immer wieder andere Dinge vor. Das zweite hatte meine und andere Behinderungen zum Thema. Das dritte sollte meinen Auslandsaufenthalt in Frankreich beschreiben.

Das Lunula-Blog schlief nach anfänglicher Euphorie irgendwann ein. Den beiden anderen Blogs erging es schlimmer: Sie hatten leider nie nennenswert viele Einträge.

Deshalb werde ich nun alles ins Lunula-Blog packen: das wahre und das richtige Leben, die Geschichte, die große weite Welt und die Mühen des Alltags.

Der Anlass, warum ich das zweite, das Blindlings-Blog aufgemacht hatte, war eine ereignis- und barrierereiche Dienstreise nach Brüssel. Da ich die Geschichte für die Nachwelt erhalten will, kopiere ich sie mal hierher.

Der Bericht ist aus dem Jahr 2008. Es heißt, mittlerweile gebe es mehr und bessere rollstuhlgerechte Taxis in Brüssel.

Abenteuer-Bruessel

Warum nicht eine litauische Bauernhochzeit?

Der Grund, warum Blogs vereinsamen, ist natürlcih unter anderem Fähsbuck. Da geht alles viel schneller, und es lesen gleich ganz viel Leute, und man kriegt Likes (schade, dass das beim Blog nicht so einfach geht…). Aber! dafür gehen die ganzen schlauen Gedanken auch schneller wieder verschütt.

Deshalb kopiere ich hier mal einen längeren Text, den ich vor einem knappen Jahr dort geschrieben habe, um ihn der Nachwelt zu erhalten und weil er auch so schön in dieses Blog passt:

Die eigentlich logische Reihenfolge, wenn man Klamotten von Leuten aus vergangenen Zeiten nacharbeiten möchte, wäre diese:

  • Okay, ich will was mit Wikingern machen. Hm, vielleicht Schweden, da scheint es Funde zu geben.
  • Schau ich mir mal die Ausgrabungen von Birka an.
  • An, es gibt verschiedene Funde von Textilresten an Gewandfibeln. Gut, dann weiß ich schon einiges: Wie die Fibeln aussahen, was es für Webbindungen gab, vielleicht auch noch Farbreste und wie man sich vorstellen kann, dass die Kleidung genäht oder zusammengefibelt war.
  • Gab es darüber hinaus noch Verzierungen an der Kleidung? Aha, ich finde Brettchenborten bzw. das was davon übrig ist, nämlcih metallene Broschierungen. Außerdem gibt es auch Funde von metallenen Posamenten.
  • Dann näh ich mir jetzt mal Kleidung und … hm… schaue mal, ob es schwierig ist, zur Verzierung so ein Brettchenband oder ein Posament nachzuarbeiten.

Eine andere mögliche Reihenfolge wäre:

  • Ich würde gerne Kleidung einer historischen Epoche rekonstruieren. Was könnte ich machen?
  • Hm, ich hab schon Brettchenweben probiert, aber das ist echt schwierig. Dafür kann ich supergut sticken.
  • In welchen Epochen hat man denn Kleidung mit großformatigen flächigen Stickereien verziert? Ich schau mal bei den Wikingern.
  • Oh, da gibt es ja praktisch keine Funde für Stickereien, schon gar nicht flächig und auf Kleidung. Hm. Dann sollte ich mir wohl eine andere Epoche suchen, um meinen Stickfimmel auszuleben. Barock vielleicht? Mal schauen, da gibt es ja viel mehr erhaltene Textilien….

Wie alle wissen, ist der in den Gruppen oft zu beobachtende Weg ein anderer:

  • Ich möchte eine Wikingerin darstellen und nähe mir eine Wikingerklamotte.
  • Ich möchte gerne sticken und frage deshalb nach Vorlagen für wikingerzeitliche Stickereien. Wenn ich dazu Antworten bekomme wie „gab es praktisch nicht“ reagiere ich verstimmt.

Das Problem ist leider, dass an solchen Dingen sehr viel Selbstverwirklichung (gar nicht böse gemeint) dranhängt und der Ton deshalb schnell emotional wird. Und das weitere Problem ist, dass es daher viel Sensibilität braucht, um unangenehme Nachrichten zu überbringen. In der Zeit, die es braucht, um Person A davon zu überzeugen, dass sie nicht ihren Stickrahmen wegschmeißen, sondern ihre Herangehensweise überdenken sollte, haben leider Person B bis D schon die nächste Stickfrage gestellt. Wofür weder Person A noch B bis D was können. Die arme Person, die die Frage beantwortet, blickt aber auf die sich vertiefenden Bissspuren in ihrer Tischkante und hat das Gefühl, nur von Idioten umgeben zu sein, was ihren Ton möglicherweise immer unwirscher werden lässt.

Die Struktur von FB-Gruppen ist halt leider so, dass man anders als in einem Forum viel schlechter auf bereits beantwortete Fragen verweisen kann bzw. dass man nicht voraussetzen kann, dass diese für Fragerin D sichtbar angezeigt werden und sie es deshalb besser wissen müsste.

Neulich kam eine Diskussion auf mit Mädels, die das Kammweben kennengelernt hatten und die netten geometrischen Muster, die man damit machen kann (und historisch auch gemacht hat, vor allem in der osteuropäischen Folklore), toll fanden. Sie waren ganz begeistert und wollten solche Bänder unbedingt für ihre Wikingerklamotte machen. Erschwerend kam hinzu, dass irgendein Händler in einem als „authentisch“ im Sinne von glaubwürdig angesehenen Wikinger-Freilichtmuseumsgelände Webkämme verkauft hatte. Da fragte ich mich: Warum sucht ihr nicht nach den historischen Vorbildern für die schicken Bänder und rekonstruiert einfach eine litauische Bauernhochzeit des 19. Jahrhunderts?