Freilichtmuseen: Krieg den Hütten! Baut mehr Paläste!

Der Besuch mehrerer Museen in unserem Island-Urlaub hat mir einige neue Denkanstöße gegeben, für ein Problem, über das ich schon länger nachdeenke.

Wir waren in Island an drei Orten, wobei es sich um zwei rekonstruierte frühmittelalterliche Bauten und ein erhaltenes neuzeitliches Gehöft handelte:

  • Eiríksstaðir, die Rekonstruktion eines Hofes aus dem 10. Jahrhundert, der vermutlich Erik dem Roten gehörte,
  • Þjóðveldisbær, die Rekonstruktion des 1104 bei einem Vulkanausbruch verschätteten Gehöfts Stöng,
  • Laufas, ein Torfgehöft aus dem 19. Jahrhundert.

Allen dreien ist die isländische Bauweise gemeinsam: Da Island selbst über wenig Baumbewuchs verfügt, bestehen die Wände außen aus dicken „Mauern“ aus Torfsoden, innen aus Holzgebälk, die großen Pfeiler aus Treibholzstämmen.
Eine weitere Gemeinsamkeit war, und hier wird es besonders interessant, dass alle drei Häuser im Innern so ausgestattet waren, dass man sofort hätte einziehen mögen. Sauber, warm, komfortabel.

Und das brachte mich zum Staunen. Habe ich doch selbst einige Male in Museumshäusern „gewohnt“ und noch mehr davon besuchen dürfen. Bei vielen davon pfeift der Wind durch löchrige Lehrmflechtwände, die Innenwände sind kaum verkleidet oder verputzt, das Holzgebälk ist so roh, dass man sich überall Splitter eiinziehen kann, der Boden ist staubig, im Dachstuhl nisten Vögel und k***en überall hin… Man bemüht sich, so einen Ort zu beleben und ist mit den entsetzten Gesichtern vieler Besucher vertraut, die von ihrem Museumsbesuch die Gewissheit mitnehmen, dass die Leute früher in Dreck und Elend gehaus haben.

Woher dieser Unterschied? Sind die Bauten in Island weniger historisch korrekt als bei uns? Ich glaube nicht. Modenre Kompromisse müssen sicher überall gemacht werden, z. B. der Einbau von Feuerlöschern. Aber vielleicht ist die isländische Innenausstattung sogar historisch nachvollziehbarer als die mitteleuropäische Rohbauweise. Oder würden Sie in Ihr neues Haus einziehen, wenn noch nicht mal der Bodenbelag drin ist?

Des Rätsels Lösung findet sich in der (auch historisch und archäologisch sehr informativen) Broschüre, die man in Þjóðveldisbær kaufen kann. Die Reko wurde schon 1974 begonnen, 1977 eingeweiht, und im Heft heißt es dazu:
Bei der Rekonstruktion […] standen die folgenden Leitgedanken besonders im Vordergrund:
1. Den Hof so genau wie möglich auf den Überresten des Hofes in Stöng aufzubauen und damit zu versuchen, ein glaubwürdiges Bild […] zu vermitteln,
[…]
3. Drittens sollte diese Rekonstruktion zeigen, dass die Wohnstätten der Isländer im Mittelalter keine armseligen Torfhütten waren, sondern sorgfältig ausgeführte, stattliche Gebäude.

Da stellt sich nun doch die Frage: Die Isländer erklären hier, was sie zeigen wollen und welche Vorstellung sie beim Bau im Hinterkopf hatten. Was wollen die Deutschen zeigen? Vielleicht unbewusst?
Vielleicht liegt es daran, dass es in Deutschland schon seit der Romantik, aber auch in neueren Zeiten z. B. durch entsprechende Fernsehdokus viele Klischees des einfachen, romantischen, urwüchsigen Lebens in möglichst natrunahen Behausungen gibt. Angesichts der bitteren Not, die die Isländer in den vergangenen Jahrhunderten erdulden mussten, betrachtet man zugige, schmutzige Hütten dort wahrscheinlich mit weniger romantischen Gefühlen.

Island

Zwischen Europa und Amerika gibt es eine tiefe Kluft. Dochdoch, man kann sie sogar sehen, sie geht mitten durch Island durch und die Entfernung wird mit der Zeit immer größer:

An dieser Felsformation, die durch das Auseinanderdriften der amerikanischen und der eurasischen tektonischen Platten entstanden ist, liegt Thingvellir. Das ist auch ein historisch bedeutender Ort, an dem seit dem Jahr 930 der Althing (die isländische Volksversammlung) tagte. Noch heute trifft sich das isländische Parlament zu festlichen Anlässen hier.

Diesen schönen Ort haben wir am ersten Tag unserer Reise besichtigt. Am zweiten Tag haben wir uns einen derzeit inaktiven Vulkan angeschaut, der genauso aussieht, wie man sich einen Vulkan vorstellt, rund und kegelförmig und mit einem großen Krater innen. Man konnte (sehr komfortabel, wo es steil wurde, waren sogar Holztreppen gebaut) hinaufsteigen und den Krater umrunden.
Am Fuß des Vulkans sind Pferche aus Steinmauern zu seheh, wahrscheinlich wurden oder werden dort Schäfchen gezählt:

Am dritten Tag gab es dann wirklich wunderschöne Wasserfallkaskaden zu bestaunen. Aus vielen einzelnen Spalten im erstarrten Lavagestein fließen die Wasserfälle in den Fluss:

Hach, ist das schön hier!