Vermittlung von Vergangenheit – Teil I: Kurzbericht

Tagung “Vermittlung von Vergangenheit – Gelebte Geschichte als Dialog von Wissenschaft, Darstellung und Rezeption” vom 3.-5.07.2009 in Bonn im Rheinischen Landesmuseum

Da ich von einigen Leuten gebeten wurde, mal zu berichten, „wie es denn war“, versuche ich hier mal eine Übersicht über die Tagung. Einfach mal, um selbst nicht zu vergessen, worüber so geredet wurde.
Vorausschicken möchte ich, dass ich die Tagung insgesamt sehr gut fand und dass der DASV gar nicht genug gelobt werden kann für die Initiative, diese Tagung zu veranstalten, wie auch für die sehr gelungene Durchführung.

Hier kommt erst mal der Versuch, die „nackten“ Fakten zu berichten, in einem späteren Post werde ich dann (wenn ich dann noch die Kraft habe 😉 ) meine eigene Bewertung von mir geben.
Die Tagung war in vier „Module“ gegliedert: Wissenschaft – Darstellung – Qualität – Gesellschaft.
Von Freitag Mittag bis Samstag Mittag gab es Einführungsreferate vor allen TeilnehmerInnen (ca. 60-100, würde ich schätzen), Samstag Nachmittag und den halben Sonntag Vormittag diskutierte man dann in kleineren Gruppen nach Modulen aufgeteilt, danach wurden die Ergebnisse aus den Modulen noch einmal vor dem Plenum referiert. Im Anschluss Sonntag Mittag / Nachmittag konnten Darsteller noch etwas vorführen. Dabei gab es eine szenische Vorführung und mehrere Schautische mit Erläuterung.
Es begann am Freitag mit dem Modul Wissenschaft:

Dr. Antje Kluge-Pinsker, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz: “Wissenschaft für die Wissenschaftler – Action für’s gemeine Publikum? Optionen für ‘Lebendige Geschichte’ im Museum“

Frau Kluge-Pinsker erläuterte die verschiedenen Zielsetzungen, die das RGZM in seiner Geschichte hatte und berichtete von Schwerpunktverschiebungen zwischen dem Anspruch als wissenschaftliche Einrichtung einerseits und Einrichtung der Vermittlung von Wissen ans Publikum andererseits. Sie stellte verschiedene Möglichkeiten vor, dem Publikum die Vergangenheit aus Sicht eines Indoor-Museums nahezubringen. Dabei beschrieb sie mehrere innovative Ansätze, die eigentlich nicht so viel mit LH zu tun hatten, aber vielleicht mit dieser in Bezug zu setzen wären, wie z. B. museumspädagogische Aktionen, bei denen Kinder sich durch Nachbauen von Objekten in die Zeit einfühlen können (wobei die Objekte dann gar nicht aus historisch verwendeten Materialien sein müssten) oder seminar-artigen Aktionen, bei denen Besucher sich intensiver mit Exponaten und Themen beschäftigen und dann selbst dazu etwas erarbeiten und z. B. ihren Mitschülern präsentieren können. Auch der Einsatz von LH auf Museumsfesten / Museumsnächten etc. wurde – nicht ohne Nachdenklichkeit – angesprochen.

Dr. Gunter Schöbel, Pfahlbaumuseum Unteruhldingen: “Entstehung und Situation der archäologischen Freilichtmuseen in Europa”

Das folgende Referat setzte dem die Perspektive des Outdoor-Museums entgegen. Herr Schöbel erläuterte mit interessanten Bildern die Herkunft und Tradition von Freilichtmuseen. In diesem Zusammenhang kam zum ersten Mal die Problematik der Macht der Bilder zur Sprache: eine Rekonstruktion, wie sie im Freilichtmuseum wie im LH stattfindet, schafft Bilder, die beim Betrachter haften bleiben, und birgt damit auch die Gefahr, Klischees zu erzeugen und zu manipulieren. Wobei die Frage im Raum stand, ob das bei einem Exponat im Museum nicht auch (vielleicht in schwächerem Maße) der Fall ist.

Danach kam das Modul Darstellung.

Andreas Sturm, Rete Amicorum: “Quo vadis Living History? Von der Suche nach dem richtigen Umgang mit Geschichte als Erlebniswelt”
Herr Sturm referierte aus Sicht eines Anbieters über LH. Er befasste sich eigentlich nicht mit dem in seinem Titel angekndigten „richtigen Umgang“ oder mit aktuellen Diskussionen in der Darstellerszene über gute oder weniger gute Konzepte. Statt dessen versuchte er LH in Begriffe und Kategorien zu fassen, wobei er US-amerikanische Konzepte heranzog. Er stellte einen Anforderungskatalog für LH-Darstellung vor (der ebenso wie der Freiburger Katalog – dazu weiter unten – aus vier Hauptkriterien bestand und diesem sehr ähnelte). Dann ging er der Frage nach, warum LH eigentlich eine Wirkung auf Besucher hat, die stärker ist als traditionelle Präsentationsformen, und führte dazu Aspekte aus dem Bereich moderner Lernpsychologie (wie „Flow“) an. Da es zur Frage „wie wirkt LH konkret“ keine spezifischen Untersuchungen zu geben scheint, war das Ganze natürlich äußerst vorläufig, ließ sich aber ganz gut mit dem genannten Kriterienkatalog in Beziehung setzen.

Wulf Hein, Archaeotechnik: “Begreifbares Nacherleben von Vergangenheit. Archäotechnische Praxis im musealen Bereich”

Auch in diesem Modul boten die beiden Vorträge interessante Kontraste. Wulf Hein stellte sein Konzept als Archäotechniker vor, der in Museen die Bearbeitung prähistorischer Werkstoffe wie Feuerstein und Knochen vorführt, erklärt und „be-greifbar“ macht. Er nahm – auch hier etwas anders als im Titel seines Vortrags – zu aktuell diskutierten Fragen pointiert und gut verständlich Stellung, insbesondere zur Diskussion, ob eine Zertifizierung von LH sinnvoll und umsetzbar wäre und zur Diskussion, ob Hauptberuflichkeit wirklich zu besserer Darstellung führt. Auch sprach er noch einige Ärgernisse aus dem Alltag der Archäotechnik an, insbesondere wenn Personen vorgeben, Techniken zu beherrschen und zu erläutern, für die ihnen aber die Fähigkeiten oder der sonstige Background fehlen.

Das nächste Modul – Gesellschaft – passte auch noch mit einem Referat knapp in den Freitag hinein:
Dr. Bettina Habsburg-Lothringen, Museumsakademie Joanneum Graz: “Geschichtsmuseum und Gesellschaft. Zur Funktion einer Institution”
Frau Habsburg-Lothringen erläuterte auf hohem wissenschaftlichen Niveau und gut verständlich die historisch gewachsenen Funktionen von Museen z. B. als Medien nationaler Identitätsfindung durch den Anschluss an frühere Zeiten und „Völker“ und stellte verschiedene Überlegungen in den Raum, welche gesellschaftlichen Funktionen Museen heute haben bzw. haben müssten. Das Panorama war dabei sehr breit und eröffnete auch neue Blicke, z. B. auf das Museum als sozialräumliche Institution, das in einer Stadt oder einem Stadtteil die Menschen zusammenbringen und Diskussionen über soziale Entwicklungen in Gang bringen kann.

Danach hieß es den Ort wechseln, da der Abendvortrag und der anschließende Empfang im Akademischen Kunstmuseum stattfanden:

Dr. P. Rahemipour, DAI Berlin: „Zu Tradition, Absicht und Rezeption von ‘gelebter Geschichte’”

Die Referentin erläuterte die historische Entstehung und die Erscheinungsformen anschaulich gemachter Geschichte wie die Schaffung von Historiengemälden im Kontext historischer Museen, die Schaffung „lebender Bilder“, die Einrichtung historischer Pavillons in Weltausstellungen etc. Hier gab es einige Wiederholungen zum Vortrag von Herrn Dr. Schöbel. Besonders stellte sie die Darstellung des Neandertalers im Wandel der Zeiten vor, von einer Rekonstruktion als behaartes halb-tierisches Wesen zu einer unbehaarten Figur, und setzte dies in Bezug zum Topos des „Wilden Mannes“ in der europäischen Volkskunde.

Am Samstag Vormittag kam dann zunächst der zweite Vortrag des Moduls Gesellschaft:

Staatsanwältin N. Schulz, Staatsanwaltschaft Bonn: “Die strafbare Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gem. §86a StGb? und der Ausnahmetatbestand”

Frau Schulz stellte die rechtliche Situation insbesondere bei der Verwendung von Hakenkreuzen vor und arbeitete dabei sehr differenziert Aspekte heraus, die in der öffentlichen Diskussion – z. B. in Foren – oft nicht bekannt sind. Konkrete Fälle aus dem Bereich LH wurden vom BGH noch nicht entschieden, sie stellte jedoch die Rechtsprechung in vergleichbaren Gebieten (z. B. Antiquitätenhandel) vor.

Prof. Dr. Dr. G. Schuppener, Universität Leipzig: “Missbrauch von germanischen Mythen und Symbolen im aktuellen Rechtsextremismus“

Herr Prof. Schuppener erläuterte, welche Elemente „germanischer“ Mythologie für den Rechtsextremismus attraktiv und anschlussfähig sind und in welcher Form in der aktuellen rechtsextremen Szene darauf Bezug genommen wird. Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass oftmals die Begriffe, deren historische Bedeutung und deren aktueller Bezug in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind, so dass sich bestimmte Gruppierungen auch unter solchen Begriffen und Symboliken tarnen, und erläuterte dies an Beispielen.

Als letztes Modul war die Qualität dran:
Prof. Dr. Wolfgang Hochbruck, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: “Geschichte dramatisch nachbessern?”
Herr Hochbruck leitet ja das Forschungsprojekt an der Uni Freiburg und stellte die Fragestellungen und ersten Ergebnisse vor. Dazu gehörten die oben schon erwähnten vier Grundkriterien (aus meinem Gedächtnis ganz grob: Fachwissen auf aktuellem Stand, Korrektheit der Ausrüstung, Vermittlungskonzept und schauspielerische Fähigkeiten) und einige Ansätze zur Schaffung einer Plattform, auf der sich die Beteiligten untereinander austauschen und Kriterien für Qualität im Einzelnen erarbeiten könnten.

Dr. Maren Siegmann, Museum in der „Alten Schule“ Efringen-Kirchen: “Qualität ist, wenn keiner eine Brille trägt !? Darstellung zwischen Wunsch und Wirklichkeit”

Frau Siegmann referierte sozusagen in einer Doppelrolle: zum Einen als Museumschefin und zum Anderen als Mitglied einer Frühmittelalter-LH-Gruppe. Sie erläuterte mit einer sehr vergnüglichen und verständlichen Präsentation die Interessen des Museums einerseits, der Darsteller andererseits und gab im Endeffekt praktische Tipps für Museen, die Darsteller engagieren wollen.

Damit war da anspruchsvolle Vortragsprogramm absolviert und man teilte sich in vier Gruppen auf, um die Module im Einzelnen zu diskutieren.
Ich war im Modul „Gesellschaft“, und wir schafften es, eine sehr stimmige Abschlusserklärung zu erarbeiten. Aber dazu demnächst mehr – von mir oder anderen.

6 Gedanken zu „Vermittlung von Vergangenheit – Teil I: Kurzbericht“

  1. Tagungsband ach so, ja, ich vergaß: es soll einen Tagungsband mit allen Referaten und den Ergebnissen der Module geben. Kann aber noch dauern, bis der raus ist. Wie das halt so ist mit Tagungsbänden….

  2. Ganz lieben Dank für Deine umfassende Zusammenfassung. (bin jetzt gespannt auf das „mehr“)

    Schade, daß es für mich einfach zu weit weg war, aber so kann ich doch einen Eindruck gewinnen – und sehnlichst den Tagungsband erwarten….

    LG Maren

  3. Tusen takk! Hei,

    vielen Dank für deinen Bericht. 🙂
    Bonn war mir dann doch etwas zu weit.
    Na, ich warte dann mit Spannung auf Teil II und II: 😉

    Hilsen

    J.-N.

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