Nadelbindung

Erst mal die Kurzfassung: Die Nadelbindung ist eine alte Handarbeitstechnik, die ähnlich wie das Stricken oder Häkeln auf dem Prinzip der Verbindung von einzelnen Schlingen basiert, aus denen ein festes Textil entsteht.

Bei der Nadelbindung scheidet sich die Spreu vom Weizen. Was das überhaupt ist, wissen nämlich nur die Menschen, die sich ein bisschen ernsthafter mit dem Mittelalter beschäftigt haben. Also die meisten Reenactresses und -actors sowie die Leute, die bereit sind, auch mal über Blechrüstungen und Hornhäubchen hinaus Informationen über das WIRKLICHE Leben im Mittelalter zur Kenntnis zu nehmen.

Auch ich war verblüfft, zu erfahren, dass das Stricken im Mittelalter noch gar nicht erfunden (oder muss ich sagen entdeckt?) war. Gleiches gilt meines Wissens für das Häkeln. Bekannt war hingegen die Nadelbindung. Erste Funde gibt es schon aus der Römerzeit, leider weniger aus dem Frühmittelalter, aber aus dem Hochmittelalter sind sogar einige Stücke erhalten (weil es sich um kirchliche Textilien handelt, die ja oft überleben, weil sie in Kirchenschätzen aufbewahrt werden).

Grundprinzip

Der wesentliche Unterschied zum Stricken oder Häkeln ist, dass beim Nadelbinden nicht eine Schlinge durch die vorherige gezogen wird, sondern der Faden wird mit der Nadel so durch die vorherige Schlinge gezogen, dass eine neue Schlinge entsteht. Daraus ergeben sich mehrere Kosequenzen:
1. Das Garn (in der Regel Schafwolle) kann nicht vom Knäuel abgespult werden, sondern muss abgeschnitten, in die Nadel eingefädelt und immer wieder neu angesetzt werden.
2. Eine Nadelbindearbeit kann nicht aufgezogen werden; es können auch keine Maschen herunterfallen. Das hat Vorteile, weil es beim Arbeiten weniger „Unfälle“ gibt, aber auch Nachteile, wenn doch mal ein Fehler unterläuft. Dann kann man die Arbeit wegwerfen, denn Aufziehen ist definitiv nicht drin. Außerdem wird das Ganze sehr dick und solide.

So, und falls das jetzt zu viel theoretisches Gerede war, könnt Ihr hier anschauen, wie die Grundstruktur einer Nadelbindearbeit aussieht.

Eine weitere Konsequenz der speziellen Technik ist: Das Ganze daaaaaaaaaaaauert ziemlich lang. Deshalb sieht man in der Szene auch ausschließlich kleinere Objekte, wie Mützen, Handschuhe, Socken, aber keine Nadelbindepullover. So etwas hat es im Mittelalter zwar gegeben, aber ich glaube, es war damals auch nicht gerade häufig.

Zum Selber-Ausprobieren empfehle ich allerdings nicht die auf den Seiten von Düppel gezeigte Technik, sondern die sogenannte Daumenfangtechnik, die bei Herrn Dankbar sehr schön gezeigt wird. Sie ist einfach zu handhaben, auch wenn sie etwas geheimnisvoll ist, weil man beim Arbeiten nicht richtig sehen kann, was geschieht. Das Ergebnis ist aber das gleiche wie bei der konventionellen Technik.

Und tatsächlich: ich habe es mit der Daumenfangtechnik innerhalb von zwei Tagen gelernt und arbeite schon fleißig an einer (sehr warmen) Mütze. Demnächst Berichte von weiteren Nadelbindeprodukten.