Fernsehtipp zum Reenacten

Wer sich für Reenactment oder für die griechische Antike oder für Sport oder für halbnackte Männerkörper (oder für mehrere oder alle davon) interessiert, dem sei die aktuelle Doku-Soap von Arte empfohlen: „Die Helden von Olympia“. Echte Leistungssportler aus ganz Europa, Leichtathleten und Ringer, werden in die antiken Olympischen Spiele nach Olympia geschickt und trainieren bis zum Wettkampf in den alten Disziplinen (also z. B.Weitsprung mit Gewichten in den Händen oder Wettlauf in voller Bewaffnung). Auch die hier schon erwähnten Freuden des Cämpings im authentischen Zelt und des Tragens von Nicht-Microfaser-Kleidung kommen nicht zu kurz.
26. Juli bis 5. August 2004 Montag bis Freitag auf Arte, jeweils 20:15 bis 20:40. Wiederholung ab der ersten Folge ab 2. August jeweils um 17:45.
Weitere Infos finden sich hier (der Flash-Overkill gefällt mir allerdings nicht so gut).

Mittelaltermarkt

Der Mittelaltermarkt ist die einfachste Möglichkeit, Reenacors und -actresses in freier Wildbahn zu sichten. In den letzten Jahren wurden es ständig mehr. Die wundersame Vermehrung fand u. a. dadurch statt, dass viele alte Orte / Städte / Burgen z. B. zum 1000-jährigen Bestehen ein Mittelalterfest abhielten, das dann so großen Zuspruch fand, dass es ab da immer wieder stattfand.

Mittelaltermärkte sind von sehr unterschiedlicher Qualität und Größe. Es gibt welche, die sich eigentlich nur an nicht mittelalterliches Publikum richten – das sind die, die in der Regel aus einheitlich durchgestylten Ständen bestehen, bei denen man mit „edler Recke“ oder dergleichen Gromimist angesprochen wird, und bei denen als Zahlung „Silberlinge“ verlangt werden. Dort werden zwar auch zum Teil alte Handwerke (wie das Filzen etc.) dargestellt, aber gerade das, was feilgeboten wird, richtet sich doch eher an Leute, die es zwar rustikal oder ökomäßig mögen, aber mit Reenactment nichts am Hut haben (z. B. Körbe zum Stapeln von Kaminholz oder bunt glasierte normale Töpferware).
Auf Märkten, die sich (auch) an Reenactresses und -actors richten, findet man auch Gegenstände, die eigentlich nur für diese Sinn machen, wie z. B. Wendeschuhe oder Schildkrötenbroschen. Es gibt natürlich auch Dinge (z. B. Schaukampfschwerter oder Amulettanhänger), die sich auch der interessierte Besucher vielleicht gerne kauft, weil sie so hübsch sind.

Bei alldem kann natürlich der Eindruck entstehen, dass die Menschen im Mittelalter hauptsächlich in Zelten wohnten. Das ist nicht richtig. Wesentlich authentischer wäre natürlich die Darstellung eines Bauernhofes mit Großfamilie, Landwirtschaft, Vieh und allerlei Handwerks- und Haushaltstechniken. Es gibt auch tatsächlich einige Orte, wo man so etwas anschauen kann (und das sei unbedingt empfohlen), z. B. das Museumsdorf Düppel in Berlin oder Groß Raden in Mecklenburg-Vorpommern oder Gunnes Gard in Schweden. Aber für die meisten Mittelalter-Leute ist das dann doch ein wenig zu heftig. Außerdem haben Märkte auch viele Vorteile, z. B. dass man immer wieder anderen Gruppen begegnet und Kämpfe und dergleichen abhalten kann.

Da laachs do dich kapott, dat nennt mr Cämping…

spotteten die Höhner (Band aus dem schönen Köln, in dem Lunula geraume Zeit lebte) einst. Und warfen mit den im Lied geschilderten Szenen die berechtigte Frage auf, warum Menschen, die eine gemütliche Wohnung besitzen, es klasse finden, sich im Urlaub durchnässen, durchfrieren und von diversen Krabbeltieren anknabbern zu lassen. Vermutlich verwandt damit ist die Frage, warum Menschen, die ein Vermögen in Ceramfeldherde und beschichtete Bratpfannen anlegen, plötzlich im Freien den Grill anwerfen und Schweinebauch über offenem Feuer in reinen Kohlenstoff verwandeln (abgesehen von weiteren Stoffen, die bösen Gerüchten zufolge auch noch krebserregend sein sollen).

Wer die Antwort noch nicht weiß, wird sie auch niemals erfahren. Sie lautet: Weil es Spaß macht. Der besondere Geschmack stellt sich nicht mur beim Grillen ein, sondern eben auch beim Kampieren unter freiem Himmel.

Reenactor und Reenactress hängen beiden masochistischen Vergnügen mit besonderer Leidenschaft an. Sie fahren in der Regel nicht einfach einmal im Jahr mit dem Zelt in den Bayerischen Wald, sondern verteilen die Freude auf viele verlängerte Wochenenden in der Sommersaison. Ganz Hartgesottene machen sogar Wintercamping.

Und nein, es ist ja nicht nur Masochismus. Es können sich beim Sitzen ums Lagerfeuer, beim Schlürfen eines heißen oder kalten Getränks, beim Betrachten des aufgehenden Mondes echte ozeanische Gefühle einstellen (Einssein mit der Natur und so). Und die negativen Aspekte der ganzen Angelegenheit haben auch ihr Gutes, da sie unvergessliche Geschichten zum Immer-wieder-Erzählen abgeben (damals in Schlammberg, als die Dixie-Klos überschwappten und das Lager der Homis überschwemmten, wodurch dort eine total authentische Cholera-Epidemie ausbrach… äh, nur ganz leicht übertrieben! ;-))

Borre und Lunula liefen bekanntlich im letzten Jahr (2003) über viele Märkte, schauten sich um, legten sich ein wenig Ausrüstung zu und trugen diese auch auf diesen Märkten schon mal aus. Aber das richtige Frühmittelalter-Feeling, das war schnell klar, stellt sich nicht ein, wenn man nur als Gast auf einer solchen Veranstaltung weilt. Richtig schön wird es erst, wenn man mit Gleichgesinnten um ein Feuer sitzen und dann auch übernachten kann.

Die Wettergötter (war dafür jetzt Thor zuständig oder macht der nur den Donner? Wenn ja, wer macht den Regen? *grrrr*) haben aber einen etwas eigenen Sinn für Humor. Nachdem in der Saison 2003 eher das Problem bestand, dass keineR so viele Gewänder dabei hatte, wie er/sie an einem Tag durchschwitzte, ist dieses Jahr (also Borres & Lunulas erstes Jahr mittendrin) eher das Problem, dass er oder sie gar nicht so viele Wollkleidung übereinander anziehen kann, dass es erträglich warm und trocken ist.

Und dabei waren wir doch so stolz darauf, dass wir beide je einen kompletten Satz Gewandung besitzen, die auch vor kritischen Reenacor-Augen einigermaßen durchging (Leinenkleid, Leinenschürze, Leinenhose, Leinentunika, keine sichtbaren Nähmaschinennähte) plus einige Sachen für drüber (Wolltunika, Wollumhang, Gugel). Aber selbst im Juli in Herzberg gab es Situationen, wo eine Schicht mehr (Notbehelf: Wolldecke) durchaus angebracht war.

All das führt dazu, dass ich derzeit große Mengen Wollstoff besitze, die zu einer kompletten Wollausrüstung (Wollkleid, Wollschürze, Wollmantel) verarbeitet werden sollen.

Nun ja, der Sommer hat ja erst begonnen. Wollen wir hoffen, dass wir es schaffen, dieses Jahr auch noch mal ein Gewand völlig nasszuschwitzen…