Hurra, wir fahrn ins Mittelalter !

Das Mittelalter befindet sich in diesem Fall, nämlich über das verlängerte Himmelfahrt-Wochenende, in Groß Pinnow, einen Steinwurf (naja, mit einer größeren Steinschleuder) von der Oder und der polnischen Grenze entfernt. Für Borre und Lunula der erste „Einsatz“ auf einem Mittelalterlager mit allem Drum und Dran, also insbesondere im Wikingerzelt übernachten, über offenem Feuer kochen und so.

Auf der Fahrt mit den netten Leuten, die schon länger im Frühmittelalter zugange sind und von denen ich in diesem Blog auch noch berichten werde, wird schon diskutiert, wo die Grenze zum Mittelalter eigentlich liegt. Sicher noch nicht am Ort des Aufbruchs, an dem zwei Autos und ein größerer Anhänger mit all den Utensilien beladen werden müssen, die sechs Personen für vier Tage Mittelalter so brauchen: große Mengen Holzbalken für Zelte, ebenso Zeltplanen, Tische, Bänke, Decken, Felle, Gewänder, Waffen, Lebensmittel, Werkzeug…

Auf einer schönen grünen Wiese sind schon einige Zelte aufgebaut. Wie zu erwarten (war ja als Ritterfest angekündigt) sind fast nur Homis (Hochmittelalter, vgl. die lichtvollen Ausführungen von borre) mit ihren Rundzelten da, es stehen auch schon einige Ritterrösser auf improvisierten Koppeln rum (Reenactresses müssen u. a. souverän das Ausweichen vor Pferdeäpfeln beherrschen!). Wir schlagen also unsere Zelte auf und stellen fest, dass die selbsttragende Wikingerzelt-Konstruktion wirklich was Feines ist, verglichen mit dem Umsatz an Heringen und Spannleinen, den unsere Nachbarn so haben.

Nachdem die Zelte stehen, werfen wir uns in unsere Gewandungen und beginnen damit, uns wohnlich einzurichten, d. h. Tische, Bänke und Feuerstelle aufzubauen, Wasser zu holen, Feuerholz zu hacken usw. Hierbei ist zu bemerken, dass borre und mir dies als gutes Anfängerlager empfohlen wurde, da Feuerholz, Frischwasser und gute Toiletten in direkter Nähe bzw. überhaupt vorhanden sind, was bei vielen dieser Veranstaltungen nicht undbedingt gegeben ist. Schaun wir mal.
Donnerstag und Freitag gehen damit hin, dass unsere netten Mitwikinger Bekannte begrüßen (und uns vorstellen), wir an unsereren mitgebrachten Handwerksarbeiten werkeln, zwischendurch Essen machen (oder auch von Veranstalter welches bekommen). Eine Erkenntnis: Das Mittelalter kann ganz schön kalt sein, vor allem abends, aber auch tagsüber, wenn die Sonne weggeht und der uckermärkische Wind pfeift. All die Wollsachen, die ich über mich selbst kopfschüttelnd eingepackt habe für den äußerst unwahrscheinlichen Notfall, dass es richtig kalt wird, habe ich jetzt schon an und friere trotzdem noch… wie gut, dass die erfahrene Mit-Reenactress mir noch eine Wolltunika für drüber borgt. Oje, das bedeutet, dass ich mir jetzt ganz schnell noch irgendwie ein dickes Wollkleid nähen muss, allein mit dem dünnen Leinenkleid werde ich nicht weit kommen.

Kämpfe und arbeite – die Grundregel der Frühmis (Orden brauchen wir dazu allerdings nicht)

Samstag und Sonntag sind dann die Tage, an denen das meiste Publikum auftaucht. Nach meinen Maßstäben gar nicht mal so wenige Leute, dafür, dass der Ort doch etwas abgelegen ist.
Wir stellen also fleißig Frühmittelalter dar, und unsere Nachbarn Hochmittelalter. Dabei ist mal wieder festzustellen, dass Borre und ich die richtige Wahl getroffen haben:
Frühmittelalterdarstellen ist einfach vielseitiger. Die zahlreich und mit vielen verschiedenen Farbkombinationen vertretenen Ordensritter schmeißen sich in ihre Rüstungen, gehen zum Turnier und kloppen sich in vielen verschiedenen Varianten (zu Pferd, zu Fuß, mit und ohne Rücksicht auf Verluste) und stellen im Ruhemodus ihre schicken Schilde und Rüstungen vors Zelt. Das war’s weitgehend. Kampfunfähige oder -unwillige Gruppenmitglieder, insbesondere Frauen und Kinder, haben hauptsächlich die Aufgabe, gut auszusehen. Bei Frühmis hingegen ist immer was los: da kann auch Kampftraining beobachtet werden (mit deutlich mehr Rücksicht auf Verluste, schon wegen weniger Panzerung), aber es wird eben auch Holz geschnitzt, Schuhe gefertigt, Kleidung genäht und Brettchenbänder gewebt. Samstag binde ich mich mitsamt meinem Brettchen-Equipment an einen Zeltpfosten und erwische mich dabei, wie ich jungen Familien das Grundprinzip des Brettchenwebens erkläre (das werde ich in diesem Blog irgendwann auch noch tun) und dabei staunende und bewundernde Blicke (huch!) ernte. obzwar ich das Brettchenweben selbst erst seit wenigen Monaten betreibe und das vorgezeigte Exemplar mein erstes ernst zu nehmendes ist.

Für Spiel und Spaß ist aber auch bei Frühmis gesorgt. Wir spielen ein Spiel, das ganz entfernt an Völkerball erinnert, nur dass die beiden Heere aus großen Baumstücken bestehen, die mit kurzen Ästen abgeschossen werden müssen. Obwohl ich, Lunula, kaum geradeaus gucken kann, gewinnt meine Mannschaft das Spiel. Prima. (Irgendwann fällt mir auch wieder ein, wie das Spiel hieß.)

Der Kontakt mit Homi und Gromi ist aber auch nicht zu verachten, immerhin erscheinen einige Leute, die interessant, lustig oder sehr angenehm sind, wie zum Beispiel einige sehr begnadete Musikanten (anderen hört man an, dass das ausgiebige Üben auf Dudelsäcken wegen der damit verbundenen Lautstärke offenbar nicht zu Hause, sondern nur auf Mittelalterfesten selbst möglich ist…), begabte Jongleure oder die Frau mit dem tollen Badezuber.

Alles in allem: Im Mittelalter wars toll! Bald gibts mehr davon! In ein paar Tagen kann ich auch berichten, ob die befürchtete Mittelalter-Erkältung eingetroffen ist. Dann müsste ich halt noch etwas an meiner Abhärtung arbeiten… A propos Abhärtung: Meine Fingerkuppen sind ganz zerstochen von dieser dummen Schusterahle. Vielleicht doch mal die Tetanus-Impfung auffrischen.

10 Gedanken zu „Hurra, wir fahrn ins Mittelalter !“

  1. Toller und spannender Bericht, hoffentlich bleibst Du gesund – soviel GNI muss wirklich nicht sein. Welche A-Nahrung mit viel Vitamin C steht denn zur Verfügung?
    Aber irgendwie habe ich nicht verstanden, was Du mit der Schusterahle gemacht hast. Zum Brettchenweben wird die doch nicht benötigt?
    Mein bescheidener Beitrag zu zur Illustration ‚ohne Rücksicht‘: gesehen in Lich am 19.06.2003
    ‚mit Rücksicht‘:

    Gruppe Zornhau in Braunfels am 12.07.2003

    1. A-Nahrung Lieber railee,
      die Krönung war ein (von den bewundernswerten Wikinger-Männern über Holzfeuer gekochter, während wir Frauen im Zuber saßen!) Eintopf aus Dinkelkörnern, Kohl, Möhren, Zwiebeln und Speck. Sehr lecker! Vielleicht lädt borre ja mal ein Foto vom Kochtopf hoch?
      Muss allerdings noch dazu sagen, dass eine Mitwikingerin noch ganz viel Essbares von ihrer Geburtstagsfete dabei hatte. War nicht alles A. Aber wir haben es gut geschafft, die Verpackungen zu tarnen.
      Gruß
      Lunula.

    2. Schusterahle Ja, das mit der Ahle muss ich noch erklären. Ich habe nicht nur Brettchen gewebt, sondern auch an meinen Wendeschuhen gearbeitet, zu denen ich mich im Blog noch ausführlicher äußern werde.
      Im Prinzip geht die Technik beim Schuhe-Nähen so, dass man zuerst mit einer Ahle (gebogener, vorne ziemlich spitzer Gegenstand) einen Stichkanal vorbohrt und dann mit einer Borste (Fachausdruck für die ebenfalls gebogene Nähnadel bei Schusters) durchsticht und den Faden durchzieht. Wegen der Stabilität und um die Stiche zum Teil unsichtbar zu führen, muss der Stichkanal krumm sein. Sticht man zu weit, werden die Stiche zu groß, sticht man zu kurz, erhält man keinen Stichkanal, sondern eine ausgerissene Stelle im Leder, deshalb ist das Arbeiten mit der Ahle echt anspruchsvoll.
      Sind nur gerade Stiche durch dünnes Leder erforderlich, z. B. beim Säumen eines Gürtels, können natürlich auch alle Löcher vorgestochen und dann erst genäht werden. Bei diesen Schuhen geht das aber nicht.
      Gruß
      Lunula

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