lunula redet über kleidungsstücke und will nicht fummeln

Mir ist aufgefallen, dass ich in den letzten Berichten zu der Frage, wie sich eine Reenactress anzieht, mehrfach (!) von Outfit gesprochen habe, obwohl mir dieses Wort eigentlich überhaupt nicht gefällt. Klingt so, als hätte ich zu viele MTV-Dauerwerbe-LIfestyle-Sendungen gekuckt. Ist aber gar nicht wahr.
Wahrscheinlich war es die Verlegenheit, den richtigen Begriff zu finden. Die offizielle Bezeichnung dessen, was Reenactors und -actresses so am Körper tragen, einschließlich der nicht textilen Bestandteile, lautet „Gewandung“. Damit habe ich mich aber bisher noch nicht angefreundet, irgendwie klingt das zu sehr nach dem „seyd gegrüßet, edler Ritter“-Gelaber, das Borre zu Recht schon angeprangert hat.
Irgendwie hatte sich bei Borre und mir vorübergehend der Begriff „im Fummel“ etabliert, das kommt daher, dass uns dieser Begriff aus Nordrhein-Westfalen geläufig ist, allerdings weniger in der angeblich offiziellen Version „dünnes, kurzes, fadenscheiniges Kleidungsstück“ und mehr in der schwul-subkulturellen Version „hauptsächlich, aber nicht zwingend, weibliche Bekleidung, jedenfalls für einen besonderen Anlass ordentlich aufgebrezelt“.
Bei weiteren Recherchen musste ich lernen, dass das Wort noch andere Bedeutungen hat: so gibt es eine Meißener Backspezialität dieses Namens, und in Neufünfland existiert offenbar eine geläufige Verkürzung des auch mir als Wessi in der Vollversion bekannten Wortes „Ratzefummel“ für Radiergummi.
Außerdem gibt es ja noch das Verb „fummeln“, heutzutage erher schweinskramig belegt. Weswegen Reenactors und -actresses unter Umständen böse kucken, wenn man ihre Gewandung als „Fummel“ bezeichnet.

Also, weiter auf der Suche nach einem schönen Wort für eine schöne Sache.

Wie alles anfing, Teil (Sat)zwey

Unser Besuch in Satzvey war dann auch wirklich der Durchbruch. Hat einfach großen Spaß gemacht, sich all die lustigen Leute anzuschauen und all die interessanten Stände und was an ihnen feilgeboten wird. Richtig gute Mittelaltermärkte zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass dort eben nicht nur mittelalterlicher Kartoffelkuchen (wer den Fehler findet, darf ihn behalten oder einen kommentar schreiben), Pannesamt-Arwen-Kleidchen oder Kinder-Holzschwerter feilgeboten werden, sondern auch liebevoll handgemachte Sachen, die auch Leute aus dem echten Mittelalter vermutlich hatten und vermutlich hätten gebrauchen können. Nix übrigens gegen Kinder-Holzschwerter. Irgendwie muss man ja anfangen.

Nachdem an unserem ersten Pfingsttag in Satzvey ein heftiger Platzregen niederging, wurde es übrigens noch schöner, weil dann das Getümmel sich deutlich gelichtet hatte und nur noch vorhanden waren: 1) nasse Stände nebst HändlerInnen, 2) nasse Mittelalter- und Fantasy-DarstellerInnen, und 3) echt motivierte sonstige BesucherInnen. Der Entschluss verfestigte sich und wurde ein gemeinsamer:

Wir machen auch so was!

Aber was, um Himmels willen, ist „so was“?

In dem Wort „Reenactor“ oder für mich „Reenactress“ steckt „enact“ = darstellen, aber auch „actress“ = Darstellerin, Schauspielerin, außerdem „re“ = wieder, noch mal. (Auf Neudeutsch also: Play it again, Sam…..)

Das heißt: Es wird etwas dargestellt, was wirklich schon mal da war. Naja, das mit dem „wirklich“ ist schon das Grundproblem des Reenactens, da unser Wissen über vergangene Zeiten halt nur lückenhaft ist und die Frage, wie diese Lücken gefüllt werden (und wieviel dabei improvisiert, geschummelt und pauschal rückgeschlossen werden darf), gehört zu den Hauptbeschäftigungen der Reenactor-Community. Abgrenzbar ist das Reenactment damit jedenfalls von „reiner“ Fantasy, also vom Darstellen zum Beispiel von Tolkien- oder anderen Film- oder Romanfiguren. Was sicher auch Spaß macht, wenn es mit den richtigen Kumpels betrieben wird.

Reenactors/actresses haben also zwei hervorstechende Eigenschaften: 1) Re: Sie haben Interesse an tatsächlich geschehener Geschichte und Liebe zum Detail, die manchmal leichte Einschläge zum Besserwissern aufweist;
2) Enact: Sie haben Spaß am Verkleiden und am Darstellen und notfalls den Mut, auch Unverständnis und Lächerlichkeiten (zumindest vorübergehend) auszuhalten.

Nach diesem ausführlichen Umweg nun wieder zu mir:

Wer bin ich, und in was für einer Welt lebe ich eigentlich?

Relativ früh in ihrer Karriere muss sich die Reenactress für eine einigermaßen eingrenzbare Epoche entscheiden, möglichst, bevor sie umfangreiche Anschaffungen tätigt (hoffentlich kann das eine oder andere hübsche, aber leider 300 Jahre „zu junge“ Schmuckstück auf einem späteren Markt noch weiterveräußert werden). Was nämlich absolut nicht geht, ist eine Reenactress in einem Outfit aus dem, sagen wir, 13. Jahrhundert mit einer hübschen Ringfibel aus dem 9. Jahrhundert und einem altägyptischen Amulett um den Hals. Es muss eine einigermaßen glaubwürdige Darstellung sein, und Behauptungen wie „hat mein Urururururgroßvater, der Sklave in Rom war, von einem phönizischen Händler, der gute Beziehungen nach China hatte“ sind in Reenactress-Kreisen gar nicht gern gesehen. Hebt man sich besser für die nächste Midgard-Runde auf, da ist das nämlich erlaubt. Möglicherweise darf man da sogar Dinge haben, die auf einer Zeitreise rückwärts gebeamt wurden?

Zur Wahl des richtigen Jahrhunderts sind folgende grundsätzlichen Erwägungen anzustellen:

  • Gefällt mir die Zeit, die Art wie die Leute lebten und vor allem sich anzogen, grundsätzlich?
  • Gibt es noch genug andere Leute, die auch diese Zeit darstellen?
  • Was für Beschäftigungen/Berufe kommen in dieser Epoche in Betracht? Finde ich dafür auch Mitstreiter (siehe oben)?

Mir persönlich zum Beispiel wären erst mal zwei Epochen sympathisch gewesen, aus dem einfachen Grund, weil zu diesen Zeiten in der Gegend, aus der ich stamme, ordentlich was los war und ich mich deshalb in ihnen irgendwie „zu Hause“ fühlte, nämlich die Alamannen (Völkerwanderungszeit) und die Bauernkriege / Reformationszeit (Spätmittelalter/frühe Neuzeit). Leider sind sowohl die Alamannen- als auch die Bauernkriege-Reenactment-Gruppen eher dünne gesät. Und alleine macht es keinen Spaß. Wenn ich zum Beispiel über einen Markt wandele und die absolut perfekte Alamannin darstelle, aber keineR das erkennt und alle mich für ein Fantasy-Fake halten, dann dürfte das nur kurze Zeit wirklich Spaß machen.
Klamottenmäßig ist zu bedenken, dass es z. B. der Gesundheit eher abträglich sein dürfte, die Kleidung der archaischen Griechen bei normaler mittel- bis nordeuropäischer Witterung spazierenzutragen. Hoch- und Spätmittelalter sowie Renaissance haben bei der Frauenkleidung einige Handicaps wie z. B schleppende Rocksäume … das will alles bedacht sein.
Was anhand der genannten Kriterien auf keinen Fall in Frage kam, waren Darstellungen, die sich ausschließlich auf bewaffnete Haufen im weiteren Sinne beziehen, so dass als Rolle für eine Frau a) Regimentsköchin und b) Regimentsnutte (sorry, ist aber wahr) in Frage kommt. Damit scheiden von vorneherein weitgehend aus: Römische Legionen, Templerorden, napoleonische Truppen (erinnert mich bei Gelegenheit, mal was zum Stichwort Großbeeren zu schreiben) und amerikanischer Bürgerkrieg.

So blieb ich zurückgeworfen auf die existenzielle Frage:

Wer bin ich und wer will ich sein?

Wie alles anfing, Teil 1

Ja, also Borre behauptet ja, es fing in Satzvey an… aber ich bin der Meinung, es begann alles schon viel früher.
Borre und ich waren schon immer heftig an allem interessiert, was alt und kaputt ist, was vor allem hinsichtlich unserer Urlaubsgestaltung bei vielen Mitmenschen auf komplettes Unverständnis stieß (Auf Kreta gewesen? Klasse! In zwei Wochen kein einziges Mal im Meer gebadet?! Nur über staubige Trümmer geklettert? Habt Ihr sie noch alle?) Traditionell, wie auch dieses Beispiel zeigt, mussten die alten und kaputten Objekte, ob im Museum oder im Freiland, dann doch mindestens 2000 Jahre alt sein, lieber noch älter, also zum Beispiel ganz archaische Griechen oder Mykener oder so. Ein paar Jahre weniger als 2000 ging auch noch, immerhin mussten ja die von Römern gegründeten Städte in Deutschland und Umgebung auch noch einbezogen werden.

Ich erinnere mich an eine Sendung im Fernsehen, vor der ich atemlos klebte: dort erfuhr ich zum ersten Mal von experimenteller Archäologie. Die zeigten da, wie man versuchte, ein römisches gladius (Leginärsschwert) nachzuschmieden, und zwar nur mit den Mitteln und Materialien, die man damals hatte. Ich war schwer beeindruckt, zumal die Quintessenz war, dass man zur Herstellung eines solchen Teils mehrere Wochen brauchte, aber dass es dann dank Damaszierung und tausendmal umschmieden super elastisch war. – Irgendwie stellte ich es mir großartig vor, Wissenschaft auf diese experimentelle Art zu betreiben.

Jahre später sah ich dann ebenfalls im Fernsehen einen Beitrag über Reenactment, Living History und was es da so alles gibt. Von römischen Legionen, die aus irgendwelchen Karnevalsaktionen im Rheinland hervorgegangen waren, aber mittlerweile richtig ernsthaft versuchten, das damalige Leben nachzubilden, bis zu Leuten, die sich in mehrmonatigen masochistischen Aktionen in viktorianische englische Häuser oder in Schwarzwaldbauernhöfe einsperren ließen und versuchten, mit den technischen und materiellen Mitteln von 1900 zu überleben.
Da keimte in mir schon der Entschluss, auch mal so was zu machen, allerdings war ich noch nicht so sicher, was eigentlich, denn ich hatte weder Lust, Niedergermanien auf caligae zu durchqueren noch, eingezwängt in ein Fischbeinkorsett den Boden mit Pottasche zu schrubben. Ich erzählte Borre von den Reenactors, der aber war damals noch in der archaischen Phase (siehe oben).

Lunula beginnt ein Weblog

Guten Tag,
dies ist der Beginn eines wunderbaren Weblogs. Eifrige LeserInnen von Weblogs kennen mich schon: ich bin die F. aus dem Blog von borre . Im Wirklichen Leben heiße ich natürlich nicht F., und im Wahren Leben auch nicht.

Was bedeutet Lunula?
Wörtlich einfach „kleiner Mond“. Es handelt sich um typische Anhänger aus dem slawischen Raum, Frühmittelalter natürlich, was denn sonst. Was sie bedeuten? Tja, also, vermutlich hatte es was mit Religion zu tun, aber genau weiß frau das nicht.

Klarstellung:
Ich werde mich auf dieser Seite ausdrücklich nicht von irgendwelchen Esoterikerinnen distanzieren, die an die Große Göttin glauben und in jedem Mondsymbol ein Zeichen der weiblichen Kraft sehen. Jene dürften allerdings in meinem Blog nicht allzu viel Interessantes finden.