Keinesfalls Militärdarstellung

In dem Artikel „So stellen Geschichtsfans die Göhrdeschlacht von 1813 nach“ (Hannoversche Allgemeine, Online-Ausgabe, 17.09.2017) liest man:

Bei den sogenannten Reenactments von Schlachten, der Neuinszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse in möglichst authentischer Form, geht es den Organisatoren zufolge um erlebbar gemachte Geschichte, nicht um Militärverherrlichung.

Nun gut, ähnliche  Formulierungen liest man oft, aber sie passen mir nicht. Heute morgen schon gar nicht.

Die Göhrdeschlacht vom 16.09.1813 war Teil des 6. Koalitionskriegs, in Deutschland meist als Freiheitskriege oder Befreiungskriege bezeichnet. Drei Bezeichnungen, die allein schon unterschiedliche Deutungen sind, aber es geht ja um die Darstellung „konkreter geschichtlicher Ereignisse“, denn Geschichte ist das, was damals wirklich war: Fakten, die authentisch dargestellt werden sollen. Sorry auch.

Wir konzentrieren uns mit dem Konkreten also auf den taktischen Teil einer Militäroperation, das Nacherleben des Erlebens der Soldaten an diesem Tag und an diesem Ort, streifen also die politische, soziale, strategische und operative Ebene ab und fokussieren uns auf das Militärisch-taktische. Klar,  Rezeption,  Politik, usw. kann der Besucher ja auch nicht erleben.

Damit es etwas zu erleben gibt, muss es neu inszeniert werden. Mit der Französischen Revolution und dann besonders der napoleonischer Zeit setzt die Zeit der riesigen Massenheere ein. Z.T. hunderttausende Soldaten bei zehntausenden Toten kämpften während einer Schlacht. Im Gegensatz zu den so genannten „Kabinettskriegen“ (auch diese Abgrenzung ist nicht unhinterfragt) früherer Zeit war Ziel die Vernichtung des Gegners. Die Auswirkungen auf die  Zivilbevölkerung, die die Heere versorgen musste, waren dramatisch. Aber wir wollten uns ja auf das „konkrete geschichtliche Ereignis“ einschränken, das wir authentisch darstellen wollen. Also mit einigen Hundert Teilnehmern Schlachten „möglichst authentisch“ und „erlebbar“ darstellen. Militärtaktik von Massenheeren mit Divisionen aus 10 Mann darstellen. Erlebbar machen. Nun, nachdem Rezeption, Deutung, Strategie und Operationebene im Vorfeld gestrippt wurden, strippen wir mangels Masse auch die Taktik. OK, da von „erlebbarer Schlacht“  offenbar nicht viel bleibt, könnte man natürlich sagen, dass es auch keine Militärverherrlichung sein kann ….

Auf einem Napoleonik-Reenactment, das ich vor Jahren besuchte, sprach der Veranstalter zu Beginn von der Bühne: „Wir danken besonders auch unseren Ehefrauen, die durch ihre unermüdliche Arbeit und Unterstützung dies ermöglicht haben“. Die Frauen gehörten nicht dazu, hatten aber offenbar geputzt, genäht und gekocht. Im Lager waren denn auch keine Frauen. Klar, war ja ein „Feldlager“. Was aber ist es denn nun? Die Jungs wollen Krieg spielen. Schicke Uniformen. Blitzende Waffen. Schießen. Faszinierend. Lagern. Männlich sein. Hierarchie. Oft jedenfalls. Oder fast immer? Natürlich ist das nicht spezifisch für Napoleonik. Mir fallen da die achtzehnjährigen Wikingerbubis ein, die begeistert ihrem „Hauptmann“ auf Wache hinterhermarschierten (links-zwei-drei-vier), oder die Wikinger die sich als „Krieger“ sahen – im Ernst nämlich. Offenbar geht es doch sehr um Militär. Achja, nicht dass ich nicht auch der Faszination von Waffen unterliege. Klaro unterliege ich.

Nach Kriegen ist es für viele Soldaten wichtig, ihrem Handeln Sinn zu geben. Das ist – sehr ernst gemeint – verständlich. Es ist kaum zu ertragen, sich als ein Schlächter unter Schlachtern für fremde und grauenvolle Ziele zu sehen. Ähnliche Schwierigkeiten haben Witwen und Verwandte. Lösungsmöglichkeiten sind z.B.:  Sich durch „Befehl“ entlastet zu sehen, stolz auf die Leistungen der Wehrmacht (sic!) „an sich“ zu sein, stolz auf das  das große Opfer das man (oder das „Volk“) gebracht hat zu sein, oder indem man die Bilder des Dixschen Grauens in eine Katharsis „in Stahlgewittern“ umwandelt.  Würdige Gedenktorte. Beispielsweise. Die zehntausenden stinkenden Leichen liegen  2017 nicht auf dem Feld der neuen Göhrdeschlacht rum. Können nicht und dürfen nicht. Vielleicht schreit ja einer im Fake-Lazarett rum. Übrigens wurde am Ort dieser Schlacht ein Massengrab mit 1000 Toten entdeckt.

Die Hingeschlachteten werden also auch gestrippt oder in positive Erinnerung transformiert, denn sie sind einerseits nicht zu ertragen und andererseits nicht gut für ein Miltär, das Nachwuchs, Tradition und Waffenbegeisterung braucht. Beispielsweise waren die „Befreiungskriege“ in der DDR mit dem Völkerschlachtdenkmal ein wichtiger Erinnerungsort. Die Deutsch-Russische Freundschaft wurde dort gefeiert und das Feindbild Napoleon auf  die BRD übertragenen: Rheinbund entspricht Westintegration.  Später war das Völkerschlachttdenkmal ein wichtiger Ort für die Traditionsbildung der NVA. Das Totengedenken in der Bundesrepublik der 50er Jahre und die Traditionsanknüpfung der Bundeswehr sind auch sehr spannend (Stichworte z.B. Entlassung der Kriegsverbrecher bis zum Unvereinbarkeitsbeschluss der Bundeswehr mit dem Verband der Soldaten 2004).  Achja, wir wollten ja nur die „Fakten“ von 1813 hochleben lassen, äh, erlebbar machen.

Wenn jemand von „Fakten“ redet, die übrig bleiben würden, wenn man alles anders strippt, wird mir mittlerweile ganz anders.

Nein, es bleibt nicht viel übrig von der „Schlacht“, die die Besucher authentisch nacherleben sollen. Die „Geschichte“ wurde ja auf allen Ebenen gestrippt und es bleiben hübsche Uniformen, leichter Grusel und dass Militär irgenwie geil ist. Andersherum ist für mich das  „Strippen“ selbst und sein historischer Hintergrund das Entscheidende und die Geschichte, über die es sich etwas zu lernen lohnt – nicht aber das Erleben eines „Events“.

Vielleicht ist das zu wenig für Militärverherrlichung. Kommt wohl auf den Standpunkt an. Ach ja, den wollten wir ja strippen, bis nichts übrig bleibt.

LOL.


P.S.: Ich habe großen Respekt vor den allermeisten Darstellern und meine oben beschriebenen Probleme mit Renactment (und Living History, ….) sind natürlich nicht Napoleonik-spezifisch. Und natürlich kann man diesen Rant auch auf mich anwenden. Außerdem gehe ich gerne auf solche Events, und nicht nur zum Lästern.