Das Mittelalter ist von heute …..

….. schreibt der Spiegel in diesem Artikel. Klar, nur einer von 1000 Artikeln, die preiswert die Sau mal wieder durch’s Dorf jagen. Dennoch:

„Wieso vorbei? Dieses Mittelalter ist von heute“. „Streng historisch gesehen sind die vom Mittelalter oft nicht nur Jahrhunderte, sondern sogar Welten entfernt. Dafür sind sie lebendige Teile unserer Gegenwartskultur – sie sind Pop, mehr ‚Game of Thrones‘ als Geschichtsstunde.“

So ist es. Mittelalter ist Gegenwartskultur. So gesehen sind Ausstattung, Verhaltensweisen und Rituale eines Mittelaltermarkts oder Wikingerlagers mit mehr oder weniger GoT auch nicht schlecht oder gromi oder unmittelalterlich usw. Das Mittelalter ist heute und ist von heute. Zu seinen Ritualen gehört es auch, sich gegenseitig das „A“-Sein sein zu versichern. Damit ist es, denn es ist ja Mittelalter, meist unhöflich bzw. sozial inkompetent, wenn ein „A-Papst“ draufprügelt. Es geht um gegenseitige Wertschätzung, die nicht verlogen oder falsch oder unhistorisch ist.

Das Mittelalter ist eine erfundene Tradition. Verständlicherweise ist das oft inakzeptabel für jene, die in ihm leben, und ein weiterer Grund, warum „un-a“ und „unhistorisch“ allzu oft nur ein verletzender Killervorwurf ist. Dazu fallen mir noch die meisten „heidnischen“ Bezüge ein, die frühestens aus dem 19. Jahrhundert stammen oder  gar aus dem NS …..

Wie hätte es ein Leser (bzw. Hörer) des Nibelungenlieds wohl gefunden, wenn man ihm oder ihr gesagt hätte, dass das ja alles Quatsch sei, denn zu Gunthers Zeiten wäre in Wirklichkeit alles anders gewesen? Das Nibelungenlied (bei-spiel-haft!) lese ich als historische Fiktion, quasi das damalige „heutige Mittelalter“, das mit der „Nibelungen-Zeit“ auch nichts weiter zu tun hat, sondern die Träume und Ideale der Gegenwart darstellt.

Natürlich kann mensch auch was anderes machen. Das Mittelalter, das Gegenwartskultur ist, reflektieren (ausradieren im Kopf geht eh nicht) und sich z.B. mit Sachkultur von 1200 n. Chr. befassen. Dann Museumsbesuchern etwas davon vermitteln. Ich kenne einige sehr respektierte und geschätzte Leute, die das tun. Verständlich, wenn sie lieber nicht von „Reeneactment“ oder „Mittelaltermarkt“ oder „Living History“ für sich reden. Vielleicht gut für das Selbstverständnis, aber von außen? Die meisten Besucher (nagut, z.B. auf der Archäotechnika Brandenburg waren es nicht die meisten) erwarten und erleben das Mittelalter, das ja von heute ist, und da gehören wir dazu.

Ich finde den Spiegel-Artikel also gar nicht so übel, da sein Knackpunkt ist, darauf hinzuweisen, dass das Mittelalter von heute ist.
Tja, ich bin jedefalls weiter dabei, aber den großen aufklärerisch pädagogisch didaktischen Impetus im Mittelalter, das von heute ist, sollte man vielleicht etwas kleiner backen, und genauer überlegen, wann man die Keule auspackt.

Wir sehen uns im Mittelalter!

Hima Stolzberg

„Da Ihre Beschäftigung an der Universitäts- kinderklinik auf den Widerstand fast der gesamten Dozentenschaft und insbesondere der Assistenten der Klinik gestoßen ist und daher auch Unzuträglichkeiten mit den Studierenden zu befürchten waren, hat der Führer der Dozentenschaft die Voraussetzung meines Erlasses nicht als erfüllt angesehen und deshalb Ihnen nahegelegt, auf Ihre Beschäftigung an der Klinik zu verzichten. Ich bin unter diesen Umständen leider nicht in der Lage, meine Genehmigung aufrecht zu erhalten.“

Letztens waren wir im Bonner Universitätsmuseum. Ich vermute, dass es für Schulklassenbesuche etc. gedacht ist, quasi zu Werbezwecken, was ja durchaus respektabel ist. Auf der einen Seite Tafeln zur Geschichte der Universität, auf der anderen Seite zu den verschiedenen Fakultäten einige Vitrinen. Spannend fand ich es insgesamt nicht, aber die Geschmäcker sind unterschiedlich.

Ich stand vor den Tafeln zum Nationalsozialismus und fühlte mich unwohl. Professoren, die Opfer wurden, sind genannt, was gut ist, aber von den Tätern und Profiteuren kaum eine Spur. Zumal ich gerade Klemperers Tagebuch lese, stößt mir das sauer auf.

Hima Stolzberg fiel mir da wieder ein. Die gebürtige Kölnerin, die in Münster Medizin studierte dort 1931 promovierte. Eine Anstellung als Ärztin an der Universität Münster wurde ihr  1934 versagt. Siehe oben. Sie durfte sich nur noch als „Sprechstundenhilfe“ bezeichnen.

Hier ist ihre Geschichte als Gedenkblatt. Lohnt sich.

Was ich selbst mit ihr zu tun habe? Das ist vielleicht die Geschichte eines anderen Tages.