Lebensstandardslücke

Mein Banker hatte mich zu einem Vortrag eingeladen. Rief sogar vorher an, bevor er die Einladung losschickte. Wertschätzung und so. Allzu spannend klang es nicht, aber Wertschätzung ist etwas gegenseitiges und der Banker soll mich ja ernst nehmen. Also hin und außerdem sollte man viel häufiger auf seinen Vorurteilen rumtrampeln. Ist doch wahr.

Ich also spät, aber pünktlich. Bei Hönkel Trocken mit O-Saft vorher tu‘ ich immer etwas fremdeln. Schmeckt außerdem entsetzlich. Setze mich wie immer in die zweite Reihe. Da hört und sieht man am Besten und erblickt nicht das Stirnrunzeln hinten, wenn man selber redet. Angekündigt war Professor Schulz(*).

Zunächst begrüßt uns der Chef meines Bankers. Das gehört so. Er habe letztens Professor Schulz kennengelernt und der habe ihn zu völlig neuen Erkenntnissen geführt. Über die finanziellen Herausforderungen der Zukunft der Zielgruppe(**). Er meint auch mich. Leichtes Unwohlsein meinerseits, denn vom Tonfall musste das Kommende mindestens vom Erkenntniswert der Quantenfeldtheorie sein und Armageddon ist morgen. Endlich legt Professor Schulz los.

Ich mache die Sache kurz. Drei Viertel der Zeit verbrachte er damit, die Zielgruppe mit schlappem Chauvicontent und  großen banalen Zahlen einzufangen, einzukuscheln und anzuerschrecken. Gab uns das Wir-sind-schlau-und wichtig-Gefühl. Redete von den „Damen“ und so(***). Vermutlich hat er die besten Erfahrungen damit bei der Zielgruppe. Ich saß in der falschen Reihe vorne und hinten hätte ich auch nicht dazu gehören wollen.

Es ging um die LEBENSSTANDARDSLÜCKE im Alter. Versorgungslücke (*abgrenzabgrenz*) haben nur arme Leute und dös samma ned. Soweit so gut.  Rente  ist ein ernstes Problem, sowohl bei Versorgungslücke (*sammajaned*) wie bei Lebensstandardslücke. Wir wollten Ausgaben mindestens wie bisher, aber ohne z.B. die Villa verkaufen zu müssen. Zinsen gibt es ja nirgends.  Ergebnis des Vortrags: Derzeit gibt es die höchste Rendite bei der gesetzlichen oder privaten Rentenversicherung. Das war mir auch noch nicht klar. Aber hej, dafür hätten 10 Minuten gereicht. Stattdessen muss ich 70 Minuten fremdschämen? Stehe ich überhaupt nicht drauf.

Was mich aber am Meisten erschreckte, war, dass für den Chef meines Bankers die LEBENSSTANDARDSSLÜCKE eine earthshattering groundbreaking Erkennnis war, für die Professor Schulz so sehr zu danken sei. Welches Kundenklientel hat er?

Ich verdrückte mich danach möglichst schnell. Verzerrt lächelnd.


(*)   Name von der Redaktion geändert.
(**) Ich schweige.
(**) Ich sage jetzt nicht, dass auch Vergleichszahlen aus dem Rotlichtmilieu vorkamen. Es war aber so. Meistens meinte er mit „Damen“ die Ehefrauen, ggf. mit eigenem Einkommen.

 

2 Gedanken zu „Lebensstandardslücke“

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