Der Tisch für Lunula und Borre

Der Tisch, den wir auf dem Mittelalterlager Groß-Pinnow genutzt haben, ist bei genauerem Hinsehen nicht so toll: Die Tischplatte ruht auf zwei A-Böcken aus dem Baumarkt, die bei anspruchsvolleren Veranstaltungen sicherlich zu scheelen Blicken führen würden. Nicht zu unrecht.

Da wir die Tischplatte von freundlichen Mit-Reenactors ausgeliehen hatten, die Besitzer den Tisch aber jetzt mir richtigen Beinen versehen wollen und ihn derzeit nicht verleihen, war klar: Für Herzberg mußte ein Tisch gezimmert werden!

Die Beleglage für Tische aus dem skandinavischen Frühmittelalter ist meines Wissens schlecht. Immerhin, Stephen Francis Wyley beschreibt die Rekonstruktion eines Tischs auf Basis des kleinen „Beistelltischs“ aus dem Sala Hytta Fund (Västmanland, Schweden, 10. Jahrundert).

Bei Stühlen bzw. Hockern, die als „kleine Tische“ Anregungen für Tischrekonstruktionen bieten können, sieht es besser aus, im Museum in Haithabu ist einer zu sehen.

Hier ein rekonstruierter Hocker ähnlich einem Melkschemel aus dem Ribe Viking Center:

Der „Melkschemel“ ist eine Rekonstruktion des Hockers aus Lund (Schweden, 11. Jahrhundert), den Stephen Francis Wyley hier beschreibt.

Für den Rekonstruktionsversuch an einem Tisch scheint mir daher der Ansatz einer Tischplatte mit schräg angesetzen Beinen geeignet.

Da meine Zeit und Schreinererfahrungen beschränkt sind, war ich heilfroh, dass es im Baumarkt u.a. eine geeignete Tischplatte (Fichten-Leimholz, unlackiert) für teures Geld zu erwerben gab. Leim im Möbelbau des Frühmittelalters ist offenbar hinreichend belegt (vgl. die Diskussion im Vikingnet). Schrauben sind freilich völlig inakzeptabel!

Mein Ergebnis sieht so aus – der Tisch und im Hintergrund weitere Teile von Borres und Lunulas Ausrüstung (hübsch verpackt):

Der Tisch ist 120 cm breit, 80 cm tief und 75 cm hoch und wirkt real nicht so hochbeinig fragil wie auf dem Photo. Die Beine bestehen aus Rundholz mit 3,5 cm Durchmesser. Unter der Tischplatte befinden sich zwei Verstärkungsbalken, die den Tisch gegen Verziehen sichern sollen (er steht ggf. im Regen!) und in die mit einem 3,5 cm Forstnerbohrer die Löcher für die Beine gebohrt wurden. Für die schrägen Beinlöcher habe ich eine Bohrständer und zwei (die Schrägen sind in zwei Dimensionen!) passende Türkeile als Bohrunterlage für die Balken genutzt. Mit Hilfe des Winkels der Türkeile wurden auch die Beine entsprechend schräg abgesägt:

Die Balken wurden auf die Tischplatte geleimt, mit Schraubzwingen festgepresst und mit Holzdübeln zusätzlich befestigt. Vor dem Photoshooting wurde das Holz noch mit Leinölfirnis behandelt, der bis Herzberg hinreichend trocken sein sollte ……

Hurra!

Wikinger im Kulturmagazin Aspekte?

In Blankenburg – Lunula berichtete schon über das letzte Wochenende – stand doch plötzlich das Fernsehen bei uns unter dem Vorzelt. Naja, der Kameramann, umschwirrt von zwei schweigsamen Grinsetypen, behauptete jedenfalls, er käme vom ZDF Kulturmagazin Aspekte. Für einen zukunftswissenschaftlichen Beitrag zum Thema Stadt- und Landflucht und zur Zukunft der Arbeit (blahblah) brauche er eine ländliche Szenerie mit moderner Kommunikationstechnik.

Sein Vorschlag war, eine typisch ländliche Situation (wie bei Oma) mit Laptop zu filmen, den er denn auch flugs zückte. Typisch ländlich seien wir ja mit unseren Zelten. Aha. Ich hub gleich ordentlich zu lästern darüber an, dass er sich also vorstelle, Mittelalterreenactment sei vergleichbar einer ländliche Szenerie zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich frug ihn, in welche Epoche unsere Zelte wohl einzuordnen seien. Wußte er natürlich nicht, und als ich ihm mitteilte, dass es sich um die Wikingerzeit handelt, guckte er recht dümmlich, ignorierte das Epochenproblem aber tunlichst, denn er wollte ja seine ländliche Szene mit Laptop. Stöhn.

Ich war ja dagegen, dass er drehen durfte, beugte mich aber der Mehrheit. Also drehte er Wikinger unter dem Vorzelt mit Holztisch, Tonkrügen und Laptop und wird diesen Mist vielleicht als Illustrationsschnipsel in einem futurologischen Beitrag des ZDF Kulturmagazins Aspekte bringen.

Später sah ich ihn sich an einem Stand mit Filzartikeln einen Seppelhut aufsetzen und sich selbst filmen. Vielleicht wird ja das gesendet. Oder er nimmt eine Szene aus der Geierwally und montiert einen Laptop rein. Kann ja nicht so schwer sein.

Auf nach Blankenburg

Morgen früh um sechs gehts los nach Berlin-Blankenburg, dem zweiten Lager in diesem Jahr. Ich werde so früh starten, damit ich vor dem großen Stau durch das Ruhrgebiet komme. Im Bett verbummeln, also an Lunula denken und den Hasen freundlich anlächeln, werde ich nicht, da mein Auto nach sechs Uhr auf dem Marktplatz abgeschleppt würde. Diesen Trick habe ich bei der Fahrt nach Groß-Pinnow schon erfolgreich angewendet.

Eigentlich ja übel, für zwei Tage Mittelalterlager zwei weitere Reisetage einplanen zu müssen, also viel Stress. Der A-Faktor (A wie Authentizität) wird wohl niedrig sein, aber wir werden nette Leute wiedertreffen und – hoffentlich – endlich zusammen mit den Freunden, die mit uns das Zelt gebaut haben, lagern. Sozusagen eine Mini-Wiki-Gruppe.

Außerdem kommt mein Vater schauen, was Lunula und Borre in ihrer Freizeit so treiben. Ich freue mich!

Go, Borre, go!!!

Edit: Basina kommt auch vorbei!

Der anachronistische Zug II: Hörnerhelme!

„In lockerer Folge“, so steht es in meinem Betrag zu den Trinkhörnern, schreibe ich zu Anachronismen und zu Reenactment-Moden des dritten Jahrtausends. Es folgt Teil zwei:

Hörnerhelme

Hörnerhelme zählen zu den offensichtlich prägenden Attributen eines Wikingers. Nach einschlägigen Hollywoodschinken, nach Hägar und spätestens nach Wickie weiss man Bescheid. Oder nicht? Oder doch?

OK, hier ist ein Hörnerhelm aus dem Nationalmuseum von Kopenhagen, gefunden in Visko (ca. 800 – 400 v Chr):


Eine kleine Statuette, auch aus dem Museum in Kopenhagen:


Quod erat demonstrandum? Leider nicht, denn diese manchmal auch in „Wikingerbüchern“ abgebildeten Objekte stammen aus der Bronzezeit Dänemarks und dienten wohl zu zeremonialen Zwecken. Von Wikingern ist in der Bronzezeit nicht die Rede. Mist aber auch!

Na, die dänischen Museumspädagogen müßten es doch wissen – ein Besuch im Schiffsmuseum von Roskilde ergab dann auch reichlich Hörnerhelme:


Die Pädagogen hatten diese Schulklasse mit Hörnerhelmen und „Jutesäcken“ bekleidet. Aha. Das spricht doch eindeutig für Hörnerhelme? Nice try!

Was sagt denn die Archäologie? Der meines Wissens einzige Helm, der eindeutig Wikingern zugeordnet werden konnte, ist der
„Brillenhelm“ aus dem Fund von Gjermundbu, der auf der Website von Stephen Francis Wyley abgebildet ist. Es ist kein Hörnerhelm.

Auf zeitgenössischen Darstellungen, findet man öfters Nasalhelme, z.B. auf dem Teppich von Bayeux:


Und doch! Auf dem Oseberg-Teppich aus dem gleichnamigen Schiffsfund ist links oben eine Person mit Hörnerhelm abgebildet, wohl im Zusammenhang einer Prozession.

Der berühmte Anhänger aus Ribe will nicht vergessen werden. Die beiden „Vögel“ werden oft als Hugin und Munin interpretiert, die Begleiter Odins, der Anhänger ist vielleicht ein Amulett.

Also: Hörnerhelme hat es in der Wikingerzeit als Schutzbewaffnung von Kriegern nicht gegeben – um ganz exakt zu sein: sie sind nicht belegt und als Bewaffnung auch unsinnig. Im Zeremonialzusammenhang sind sie aber durchaus bekannt, um so mehr als „gehörnte Götter“ nichts ungewöhnliches sind, z.B. auf dem berühmten Kessel von Gundestrup aus Dänemark. Der ist aber nun wieder keltisch *seufz*.

Römer am Niederrhein

Der Bau des Wikingerzelts hat mich doch etwas mitgenommen und – confessio – meinen Basteleifer einige Wochen lang gelähmt. Kleinere Ausflüge, wie z.B. in den Archäologischen Park in Xanten, bieten Erholung von den Härten des Reenactments. Womit ich das Frühmittelalter und Borres und Lunulas Wikingerdasein einen Beitrag lang verlasse.

Die römische Kolonie Colonia Ulpia Traiana (CUT) lag neben der heutigen Stadt Xanten am Niederrhein und wurde im Gegensatz z.B. zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA, Köln) im Mittelalter nicht überbaut. Auch heute liegt die verlassene römische Kolonie CUT auf „freiem Feld“: Im Original ist kaum etwas zu sehen, denn die römische Stadt wurde bis auf die Grasnarbe als Steinbruch genutzt.

Auf dem Gelände der CUT entstand ab 1977 der Archäologische Park Xanten, in dem, da überirdisch keine Ruinen zu sehen sind, die Rekonstruktionen sehr unvermittelt aus dem Boden wachsen, z.B. das Nordtor:


Da ich von Abbildungen „romantischer“ Ruinen geprägt war, fand ich die Atmosphäre in Xanten schon als Kind sehr seltsam. Gepflegter Rasen und dann – wupps! – der Hafentempel:


Apropos „romatische Ruinen“. So manchen Urlaub habe ich in Griechenland damit verbracht, in glühender Hitze über verfallene Tempel zu steigen und mich an der Schönheit der klassischen Architektur und der griechischen Landschaft zu freuen.

Das Frühmittelalter-Reenactment hat Urlaube in den Süden erst mal verhindert, dafür aber mein Interesse an Bekleidung, Einrichtung und Werkzeug geweckt – um so mehr als im skandinavischen Frühmittelalter Marmorsäulen etc. nur spärlich gesät sind :-))

In der wieder aufgebauten Herberge der CUT, die heute als Restaurant genutzt wird, ist römische Gebäudeeinrichtung rekonstruiert worden:

Das Schlafzimmer.


Ein kleines Badehaus, hier das Warmbad (Caldarium).


 

Die Einrichtung großer öffenlicher Bäder haben sich die Kaiser und lokale Magnaten viel Geld kosten lassen. Auch Xanten als Colonia besaß gewaltige Thermen, die auf einen Gebiet außerhalb des archäologischen Parks, der bisher nur etwa 50% der alten Stadtfläche ausmacht, ausgegraben wurden. Die empfindlichen Ausgrabungen unterhalb des Bodenniveaus wurden mit einer sehr gelungenen Stahl/Glas-Konstruktion in Form des Umrisses der römischen Thermen geschützt und sind als Museum zu besuchen:


An einem kleinen Ausschnitt eines Modells der Thermen kann man den Luxus ahnen:


Derartiges, so muss man neidlos anerkennen, hatte das Frühmittelalter nicht zu bieten!