Der anachronistische Zug I: Das Trinkhorn

„In lockerer Folge“, wie es in selbstgeschwelltem Bloggerstil heißen könnte, schreibe ich zu Anachronismen beim Reenactment und zu Reenactment-Moden des dritten Jahrtausends. Manches ist lustig, schrullig oder peinlich, aber vielleicht am Ende doch nicht so einfach, wie z.B. der Satz „Wikinger hatten keine Hörnerhelme“, so absolut formuliert, nicht stehen bleiben kann….

Los gehts mit:

Das Trinkhorn

Gegeben hat es sie natürlich, wie z.B. Funde aus den Gräbern 523/544 in Birka belegen:

und hier die Rekonstruktion im Museum:

Bei Reenactors sind Trinkhörner nicht angesagt, auch nicht (mehr?) als Dauer-Gürtelzierde, denn sie sind, da man sie nicht unausgetrunken hinstellen kann, als Trinkgefäß während eines mehrtägigen Lagers alles andere als praktisch. Anfänger bekommen übrigens beim Ende eines Schlucks das Getränk immer ins Gesicht, da sie das Horn falsch halten.

Umso beliebter sind Hörner bei Marktbesuchern, derzeit besonders in der 0,1 Liter Mickervariante, in die kaum ein Schlücksken passt. Die Schwarzhemdfraktion scheint da besonders affin zu sein.

Letztlich darf man den Masseneinsatz von Trinkhörnern wohl auf das „wagnerianische“ Germanenbild mit Hörnerhelm und Trinkhorn zurückführen, das zum Trinkhorn als pseudoheidnischem Symbol geführt hat.

Praktisch zum Trinken sind die Hörner, wie gesagt, ja erstmal nicht und „Trinkhornständer“ sind leider auch unbelegte Fantasy:

(Jaja, iss meiner….)

Gegen eine weite Verbreitung von Trunkhörnern spricht, so meine Meinung, auch, dass Horn ein viel zu wertvolles Material ist, um daraus ausgerechnet Trinkgeräte zu machen, die ja auch aus Holz, Ton oder Speckstein herstellbar sind.
Andererseits waren „nicht hinstellbare“ Trinkgläser zumindest von Spätantike bis in das frühe Mittelalter durchaus üblich. Spitz zulaufende Gläser fand man in Birka, Gläser mit „rundem“ Boden (Sturzbecher) z.B. in Köln (merowingische Zeit), einem Zentrum der Glasherstellung……

Ja, und dann gibt es noch die mehrlitrigen Monsterhörner, die wohl von nicht so ganz authentischen Watussi-Rindern stammen. Graus.

Dennoch: Ein richtig guter Met, möglichst aus Polen, schmeckt aus einem Horn am allerbesten. Soviel Ehrlichkeit muss sein. Hicks. Hickshickshicks.

2 Gedanken zu „Der anachronistische Zug I: Das Trinkhorn“

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